Geschichten aus dem Sesselwald

Schauspieler Harald Krassnitzer liest „Wiener Melange“

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Mit Flexibilität in der Stimme und gelegentlichem Körpereinsatz: Harald Krassnitzer liest auf der Bühne der Glocke aus seinem Programm „Wiener Melange“.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Harald Krassnitzer (58) schafft es lesend, eine ganze Tram lebendig werden zu lassen. „Drängeln Sie nicht! Soll ich meine Tasche der Frau auf den Kopf stellen? Lassen Sie meinen Kopf in Ruhe.“ Drei Lautstärken, drei Stimmlagen, drei Rollen. Man merkt, ein Schauspieler sitzt am Pult. 500 Zuschauer sahen am Mittwochabend in der Glocke das Programm „Wiener Melange“, das Krassnitzer in der Vorweihnachtszeit auch noch in anderen Städten zeigen wird.

Der unter anderem durch seine Rolle als Wiener „Tatort“-Kommissar Moritz Eisner bekannte Krassnitzer gibt in der Lesung tiefe Einblicke in die Kaffeehaus-Szene, wichtiger Treffpunkt von Literaten, aber vor allem in das Leben der Wiener früher und heute, niedergeschrieben in Geschichten. 

Der Text „In der Straßenbahn“ von Gustav Ernst zeigt eine hektische Szenerie, die Krassnitzers ganzen Stimmumfang fordert und zu der er viel mit den Händen spricht und auch seinen Oberkörper bewegt. Sehr bald raunzt der Mann mit der Tasche seine affektierte Sitznachbarin an: „Halten Sie endlich mal die Backen!“ Das sorgt für Kritik. „Was sollen die Jungen denken. Wir Älteren müssen doch ein gutes Beispiel abgeben“, liest er wiederum in einer anderen Stimmlage.

Hans Carl Artmanns „Nussbeugerln und Melangen“ führt in das Café „Hawelka“. Der Text handelt vom Leben im „Sesselwald“, von Gläsern, die „wie kristallene Vögel“ durch den Rauch schweben und von Menschen, die bis in die Nacht Karten spielen und ihre Gedanken austauschen. „Ich glaube überhaupt, dass, wenn wir den Hawelka nicht hätten, vieles ungetan, ungesprochen bleiben oder von Grund aus gar nicht erdacht werden würde“, liest Krassnitzer.

Krassnitzer moderiert den Abend

Krassnitzer moderiert jeden Text an. Wien sei eine Stadt, die manchmal ambivalente Gefühle erzeuge, sagt der Schauspieler. „Ein Freund sagte mal, Wien ist das Epizentrum der Entmutigung. Hätte Bill Gates seine Garage dort gehabt, würde er heute noch dort sitzen.“ Dann liest er aus „Das Wiener Gift“ von Inge Merkel. Der Text beschreibt, wie die Stadt Wien das Verhältnis zwischen sich und ihren Bewohnern umgedreht hat. 

„Die Stadt wurde eine Zwing-Herrin“, liest Krassnitzer. „Seitdem atmen die Bürger nicht frei Luft, sondern stärken ihr Blut am Dunst der Stadt“, liest Krassnitzer weiter. „Wien erzeugt seinen ganz eigenen Schadstoff.“ Dieser scheint eine persönlichkeitsprägende Wirkung auf die Wiener zu haben. „Wir setzen Spott für Verantwortung, Nörgeln für Handeln, Theater für Leben.“ Merkel muss das gepackt haben. „Ich liebe diese Stadt mit Hass und Zärtlichkeit“, liest Krassnitzer.

Dann liest Krassnitzer aus Fritz Grünbaums „Die Pest und das Leben“. Darin kommt der „liebe Augustin“ vor. Er lebte zu Zeiten der Pest. „Nur einer lachte, der ,liebe Augustin‘. Er lachte und die Wiener mögen das“, liest der „Moritz“. „Wenn eine Wienerin ein Minus gefunden hat, dann lacht sie, weil sie Recht behalten hat.“ Fazit der Geschichte: In der Wiener Seele ist Platz für das Raunen und Lachen.

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