„Auf einen Espresso“ mit Libuse Cerna, Vorsitzende des Rates für Integration

Ein geschenkter Tag

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Für Libusa Cerna ist Zeit das Wichtigste. ·

Bremen - Von Ilka LangkowskiLibuse Cerna ist Vorsitzende des Bremer Rates für Integration. Die Redakteurin vom Funkhaus Europa ist vielfältig eingespannt in internationale Kulturprojekte und organisiert derzeit das Literaturfestival „Globale“. Gerade erst erhielt sie den Kulturpreis „Artis Bohemiae Amicis“, übersetzt „Freunde der tschechischen Kunst“.

Der Integrationsrat berät 56 Institutionen, darunter Uni, Kirche sowie Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen, um die Integration von Migranten zu verbessern. Die Vorstellung, etwas bewegen zu können, motiviert Cerna. Das Schwierigste sei, dass alle „total festzementierte Vorurteile im Kopf haben“, sagt sie. Die hauptberufliche Journalistin versucht, neue Perspektiven zu öffnen und Bestehendes in Frage zu stellen. Ihr Vorteil: Sie entspreche vielleicht nicht dem typischen Bild von einer Migrantin, wobei sich sofort die Frage nach einem typischen Migranten stellt, merkt die gebürtige Tschechin an. Holländer und Amerikaner in Deutschland werden eher nicht dazu gezählt.

Cerna hat sich Zeit für unsere Serie „Auf einen Espresso“ genommen, in der wir Bremer Prominente und engagierte Macher ein wenig privat vorstellen – mit einem Gegenstand, der für sie eine besondere Bedeutung hat. Sie legt einen Gutschein für einen Tag Zeit auf den Tisch. Den hat ihr Sohn ihr vor kurzem zum Geburtstag geschenkt.

„Zeit ist das Wichtigste“, sagt Cerna. Da in ihrer Familie alle sehr beschäftigt sind, werden für gemeinsame Abendessen regelrecht Termine gemacht. Da freut sie sich besonders, dass der Gutschein einen ganzen gemeinsamen Tag verspricht, insbesondere, weil ihr Sohn gerade fürs Studium nach Leipzig zieht. Auch Cerna ist so vielschichtig interessiert, dass es ihr schwerfällt, Dinge nicht zu machen oder nicht alles wahrnehmen zu können. „Das scheint sich über Generationen weiterzuvererben“, sagt sie und lacht. Aber je älter sie werde, desto bewusster werde ihr die Zeit, weil sie merkt, dass diese begrenzt ist.

Cerna ist viel unterwegs und lebt auf Reisen in einem anderen Rhythmus. Zwischen den Reisen sei ihre Zeit dann sehr verdichtet. „Zeit ist sehr ungleich verteilt“, meint Cerna. Während es in Prag ein geflügeltes Wort ist, gleich zu Beginn eines Gesprächs zu sagen, dass etwas unmöglich zu schaffen sei, gebe es in Kuba ganz andere Probleme, nur mit der Zeit nicht. „Einerseits haben aktive Menschen immer weniger Zeit, andererseits gibt es andere, die möchten aktiv sein und dürfen es nicht“, sagt Cerna. Gerade habe sie mit einer Initiative von afghanischen Flüchtlingen gesprochen, die es als ihr vorrangiges Problem ansahen, in Deutschland nichts tun zu dürfen. Darunter waren auch Hochschulabsolventen, die sich gerne einbringen würden und sehr darunter litten, untätig sein zu müssen.

Sechs fixe Fragen

Was verbindet Sie mit Bremen?

Cerna:Es ist die Stadt in der ich am längsten lebe, seit 1977. Jemand sagte einmal, in Bremen sei jeden Tag Sonntag. Es ist tatsächlich überschaubar, man hat kurze Wege, und die internationale Tradition ist spürbar, auch wenn es abgedroschen klingen mag. Das prägt die Lebensweise.

Welchen Ort mögen Sie besonders?

Cerna:Die Uniwildnis, einen Hund habe ich aber nicht mehr.

Was würden Sie auswärtigen Gästen in Bremen zeigen?

Cerna:Marktplatz und Rathaus, das Weltkulturerbe. Außerdem den Blumenmarkt, das „Bremer Haus“ und viel Kunst in der Stadt.

Welches ist Ihr Lieblingstier?

Cerna:Die Schildkröte. Sie strahlt Ruhe aus und ist gar nicht so ruhig. Sie hat einen dicken Panzer, ist aber innen ganz weich. Sie kann sogar sehr schnell rennen und sehr laut fauchen – lauter Eigenschaften, die man nicht sieht und vermutet. Es ist ein archaisches Tier, voller Geheimnisse.

Was würden Sie tun, wenn Sie jetzt spontan einen Tag frei hätten?

Cerna:Ich würde mich hinsetzen und in aller Ruhe ein Buch lesen, nur zum Vergnügen, dann spazierengehen, einkaufen, gut kochen und essen.

Was macht Sie schwach?

Cerna:Wenn ich etwas spannend finde. Das ist viel zu häufig … (lacht)

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