Drei Sekunden voller Angst 

Gericht verurteilt 31-Jährigen nach tödlichen Schüssen zu zwölf Jahren Haft

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Der Angeklagte René A. (2.v r.) wird in den Gerichtssaal geführt. Wenige Augenblicke später wird er des Mordes schuldig gesprochen. Eine Notwehrsituation, wie sie seine Verteidiger Marco Lund (2.v.l.) und Martin Stucke sahen, erkannte das Gericht nicht. 

Bremen - Von Steffen Koller. Urteil im Prozess um die tödlichen Schüsse in einem Oslebshauser Supermarkt: Das Bremer Landgericht hat am Mittwoch einen 31-Jährigen des heimtückischen Mordes für schuldig befunden und eine Haftstrafe von zwölf Jahren verhängt. Der Angeklagte René A., Mitglied einer Sinti-Großfamilie, hatte im November vorigen Jahres seinen 25-jährigen Cousin mit mehreren Schüssen so schwer verletzt, dass dieser noch im Einkaufsmarkt starb.

Drei Sekunden, die alles veränderten. Drei Sekunden, die den Kindern ihren Vater nahmen und deren Mutter zur Witwe machten. Und es waren eben jene drei Sekunden, in denen René A. am 2. November, kurz nach 10 Uhr, insgesamt fünf Schüsse auf seinen Cousin abfeuerte – mitten in einem belebten Supermarkt zwischen Obsttheke und Kassenbereich. Zu diesem Ergebnis kam das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Helmut Kellermann. Mit dem Urteil folgte die Kammer der Forderung der Staatsanwaltschaft, die am Montag ebenfalls auf heimtückischen Mord plädiert hatte. Anders als von Staatsanwältin Wiebke Kaiser beantragt, verhängte das Gericht aber keine lebenslange Haft für René A..

Klar sei, so der Vorsitzende während der fast 80-minütigen Urteilsbegründung, dass René A. am Tattag den Rewe-Markt am Kalmsweg betrat und wenige Minuten später auf das spätere Opfer sowie zwei Begleiter traf. Der 25-Jährige – das bewiesen Videoaufzeichnungen aus dem Markt, so Kellermann – ging auf den Angeklagten zu und wollte ihn auf einen Monate zuvor entbrannten Streit ansprechen. Ohne Vorwarnung schoss René A. fünfmal. Vier Kugeln trafen den Mann im Oberkörper. Zwei Schüsse, auch das legten die Kamerabilder nahe, feuerte der 31-Jährige ab, als sein Opfer bereits am Boden lag. René A. hatte sich während des Prozesses nicht zu den Vorwürfen geäußert. Nur gegenüber einem psychiatrischen Gutachter machte er kurz nach der Tat Angaben.

Von Angriff des Opfers überzeugt

Dort sagte er, er sei fest davon ausgegangen, sein Gegenüber wolle ihn angreifen, wenn nicht sogar töten. Doch dafür habe es während der gesamten Beweisaufnahme keinerlei Anhaltspunkte gegeben, machte Kellermann klar. „Es kann so nicht passiert sein, wie Sie es schildern“, sagte der Richter in Richtung des Angeklagten. Zumindest aus objektiver Sicht habe keine Notwehrsituation vorgelegen, sagte Kellermann, zumal beim Getöteten nie eine Waffe gefunden wurde. 

Die Verteidiger von A. hatten am Montag auf Freispruch plädiert, eben weil ihr Mandant von einem Angriff ausgehen musste. Monate zuvor war es nach einem Angelausflug zu einem heftigen Streit zwischen A. und einem weiteren Mann gekommen. Binnen fast sieben Monaten schaukelte sich dieser Streit weiter auf. René A., der laut Kellermann „zweifelsfrei“ an einer schwerwiegenden Angststörung leidet, verkroch sich zusehends in seiner Wohnung. Gerüchte machten die Runde, sein Widersacher wolle ihn töten. Dann kam es zum Aufeinandertreffen im Rewe-Markt, bei dem nicht mal der Mann anwesend war, mit dem A. über Monate im Clinch lag.

Aufgrund der Angststörung und der damit verbundenen „erheblich verminderten Schuldfähigkeit“ bei der Schussabgabe verhängte das Gericht letztlich eine zwölfjährige und keine lebenslange Haftstrafe, begründete Kellermann, der anfügte: „Wer fünfmal auf jemanden schießt, rechnet damit, dass das Opfer stirbt. Und Sie haben es drauf ankommen lassen.“

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