Silke Bischoffs Mutter muss Freilassung von Dieter Degowski ertragen

30 Jahre nach Geiseldrama in Gladbeck und Bremen: „Verzeihen kann ich denen nie“

Silke Bischoff – gemalt von ihrer Mutter Karin R. Die 18-Jährige hatte sich ihr dunkelblondes Haar später blond gefärbt.

Bremen - Von Anke Seidel. Wie zwei Engelsflügel oder wie zwei Arme – schutzsuchend zum Himmel ausgestreckt: So empfindet Karin R. dieses Denkmal. 62 Einschusslöcher hat die Stele nahe der Autobahn in Bad Honnef. Genauso viele, wie das Fluchtauto nach dem tödlichen Ende des Geiseldramas von Gladbeck, bei dem am 18. August 1988 ihre Tochter Silke Bischoff starb.

„Menschliches Versagen und Sensationsgier der Medien haben zu dieser Tragödie beigetragen“, lautet der fett gedruckte Erklärungssatz auf diesem Denkmal, das die unvorstellbaren Abläufe der tödlichen Geiselnahme schildert. In bewusst nüchternem Ton. Von Verbrechern ist dort die Rede. Nicht von Hans-Jürgen Rösner, der Silke Bischoff erschoss. Nicht von Dieter Degowski, der die 18-jährige Bremerin immer wieder mit dem Revolver bedrohte. Dem zu Tode verängstigen Mädchen immer und immer wieder die Waffe an die Kehle setzte – während die Reporter gnadenlos fotografierten, was das Zeug hielt.

Dieses Foto hat sie, sagt Karin R., verbieten lassen. Hat gegen ein großes Boulevard-Blatt eine einstweilige Verfügung erreicht. Welche Mutter könnte das nicht verstehen? Dass Dieter Degowski jetzt, nach fast 30 Jahren, auf Bewährung aus der Haft freikommt und mit neuer Identität ein neues Leben beginnen kann, das muss sie hinnehmen. Nein, sagt sie. Das will sie nicht kommentieren. „Ich habe damit abgeschlossen“, erklärt sie entschieden. Aber ihr Ton stellt unmissverständlich klar: Wut und Hass sind immer noch da. „Verzeihen kann ich denen nie“, fügt sie leise hinzu.

„Alles ist damals schief gelaufen“

Sie hat am 18. August 1988 nicht nur ihre Tochter, sondern auch den Glauben an die Polizeiführung und die Justiz verloren. „Alles ist damals schief gelaufen“, klagt sie verbittert, „ein Kindergarten hätte es besser gemacht“. Karin R. erinnert sich an defekte Funkgeräte der Polizei – und vor allem daran, dass die Schwester von Rösner angeboten hatte, ihren Bruder zu beruhigen und die lebensbedrohliche Situation für die Geiseln zu entschärfen: „Das hat die Polizeiführung abgelehnt“, ist für Karin R. noch heute unfassbar.

Medienberichte, die gravierende Fehler der Einsatzleitungen in Bremen und Nordrhein-Westfalen anprangerten, bestätigen ihre Einschätzung. Gemeinsam mit ihrem Cousin, dem Hamburger Rechtsanwalt Gerold Bischoff, klagte sich Silkes Mutter durch alle Instanzen. Ohne Erfolg. Geblieben sind Verbitterung – und dicke Aktenordner: „Verklagen Sie mal den Staat! Da können Sie genauso gut die Ärzte verklagen, die Kunstfehler begehen. Da laufen Sie gegen eine Wand.“

Karin R. ist eine resolute Frau, nennt die Dinge beim Namen und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Wohnung im Haus ihrer Eltern, in dem auch Silke aufgewachsen ist, hat sie stilvoll und gemütlich eingerichtet. Ihre 71 Jahre sieht man ihr nicht an.

„Ich fühlte die Nähe meiner Tochter“

Wie hat sie diesen unvorstellbaren Schicksalsschlag verkraftet? Was hat ihr damals Mut gegeben? „Ich musste weiterleben für mein Kind“, sagt sie mit aller Entschiedenheit. „Ich musste mich aufrichten für mein Kind.“ Fotos von ihren Eltern und von Silke stehen in den Regalen. Silke mit ihrem natürlichen, dunkelblonden Haar.

Gegenüber ein eindrucksvolles Gemälde. Karin R. hat es von dem Schnappschuss, den ihr Stiefsohn einst von Silke machte, abgemalt. Nachts. „Ich fühlte die Nähe meiner Tochter“, sagt sie zu dem Werk, das bei Weitem nicht das einzige selbst gemalte in ihrer Wohnung ist. Motive aus der Natur hat sie mit feiner Beobachtungsgabe zu ausdrucksstarken Bildern geformt – mit ganz verschiedenen Facetten.

Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein völlig anderes Bild. Ein Foto, das die schriftlichen Erklärungen am Denkmal in Bad Honnef spiegelt und die Situation der drei Geiseln Silke Bischoff, Ines Voitle und des 15-jährigen Emanuele de Giorgi beschreibt, der schützend seinen Arm um seine kleine Schwester gelegt hatte. Ohne jeden Pathos und deshalb umso eindrucksvoller sind die Worte.

Karin R. bei der Einweihung des Denkmals für ihre Tochter im Jahr 2009 in der Nähe von Bad Honnef – hier mit dem Künstler Franz Hämmerle. Die Initiative hatte Werner Gruenbauer ergriffen, tief betroffen vom Geschehen damals. „Er sorgt noch heute dafür, dass an dem Denkmal immer Blumen liegen“, sagt Karin R. Das Foto stammt aus dem Album der Familie.

„Die Bremer Polizei verhandelt erfolglos über die Freilassung der Geiseln“, heißt es da. „Nach Festnahme der Komplizin (Marion Löblich, Anm. d Red.) Eskalation. Emanuele de Giorgi wird erschossen.“

Warum, darüber konnten die Zuschauer, die das Geschehen damals an den Fernsehgeräten verfolgten, nur rätseln. War es die Eifersucht auf ein offensichtlich glückliches, von Nähe geprägtes Familienleben, das sie diesem mutigen jungen Italiener so neideten? Ein Glück und eine Stärke, die sie selbst nicht hatten und nie erreichen würden? Sich deshalb selbst verachteten und nur noch Verachtung für andere empfinden konnten?

Familie erfuhr von der Tragödie in der Zeitung

Silkes Familie erfuhr aus der Zeitung von der Tragödie. Ein Bild aus dem gekaperten Bus aus Huckelriede ließ Silkes Großvater am Morgen stutzen: „Das ist doch Silke?“, erinnert sich Karin R. an die Reaktion ihres Vaters, eines Polizisten. Er rief seine Tochter an, die bei einer Bekannten war. „Ich bin da in Ohnmacht gefallen“, sagt Karin R.

Die Bekannte fuhr sie zum Haus ihrer Eltern. Dort warteten alle verzweifelt auf Nachrichten. Karin R. hielt das nicht aus und rief selbst bei der Polizei an. „Sie sind die Mutter von Silke Bischoff? Das kann ja jeder sagen“, erinnert sie sich an eine Antwort der Polizei von damals. Und an Warten. Langes, unerträgliches Warten. „Dann kam ein schwarz gekleideter Mann mit einer Tasche.“ Es war der Pastor.

Niemand hatte Silke in dem Bus vermutet. Niemand damit gerechnet, dass sie – wie immer wieder in den Medien beschrieben – auf Ines Voitle wartete, um dann mit ihr den Bus zu nehmen. „Sie wollte eigentlich zu ihrem Freund“, sagt Karin R. Selbstständig habe ihre Tochter werden wollen: „Ich bin doch schon 18 Jahre. Macht euch doch keine Sorgen um mich“, habe sie immer wieder gesagt. Am Amtsgericht Bremen arbeitete ihre Tochter damals. Fühlte sich geborgen in ihrem Zuhause und schöpfte Kraft aus ihrem Hobby, dem Reiten.

Spielfilm geplant

Besonders eng, so schildert Karin R., sei das Verhältnis zwischen ihrem Vater und Silke gewesen. Das Mädchen wuchs bei den Großeltern auf. Selbst jahrzehntelang Polizist, habe ihr Vater das Handeln der Verantwortlichen nicht ertragen können, sagt Karin R.: „Er ist zwei Jahre später gestorben. An gebrochenem Herzen.“

Karin R. versucht, das Geschehene hinter sich zu lassen – und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben: endlich, endlich schöne Tage zu genießen.

Gut getan hat ihr die Initiative von Werner Gruenbauer aus Bayern. Er hatte sich, tief betroffen, bei ihr gemeldet und von seinem Wunsch berichtet, Silke ein Denkmal zu setzen. Er besuchte Karin R. in Bremen. Gemeinsam mit dem Künstler Franz Hämmerle setzte er das schließlich 2009 in Bad Honnef um.

Und dann gibt es auch Menschen, die ehrlich dokumentieren und ihr eine Stimme geben wollen. Wie das Team einer Produktionsfirma, die einen zweiteiligen Spielfilm über das Geiseldrama gedreht hat – mit dem absoluten Anspruch der Realität. Die ARD hat den Auftrag dazu gegeben. Karin R. ist überzeugt davon, dass die Schauspieler dem Geschehen von damals sehr nahe kommen werden. Die Verantwortliche sei mehrfach zu ihr nach Bremen gekommen, um alles genau zu dokumentieren. „Sie wollte ganz genau wissen, wie Silke war.“ Sie habe ihrem Charakter und ihrem Verhalten nachgespürt. Der Sendetermin steht noch nicht genau fest.

Das geschah im Sommer 1988

16. August 1988, Gladbeck: Degowski und Rösner überfallen eine Bank

Gegen 8 Uhr dringen Hans-Jürgen Rösner (31) und Dieter Degowski (32), vermummt und mit Maschinenpistolen bewaffnet, in eine Bankfiliale in Gladbeck-Rentfort ein und nehmen einen Kassierer und eine Kundenberaterin als Geiseln. Um ihren Forderungen nach einem Fluchtwagen und Lösegeld Nachdruck zu verleihen, schießen die Täter um sich. Bereitwillig geben sie Journalisten ein Interview. Am Abend fahren sie unter den Augen der Beamten und im Blitzlichtgewitter der Presse mit den beiden Geiseln und mindestens 420 000 Mark Lösegeld ab. Noch in Gladbeck steigt ihre Komplizin Marion Löblich (34) zu. Sie fliehen Richtung Bremen. Später wechseln sie mehrfach ihr Fluchtauto.

17. August, Bremen: Degowski erschießt Emanuele de Giorgi

Bei ihrer von der Polizei beobachteten Irrfahrt kapern sie kurz nach 19 Uhr an einer Haltestelle in Bremen-Huckelriede einen Nahverkehrsbus mit etwa 30 Fahrgästen, darunter Kinder. Erneut geben sie Journalisten ein Interview und fordern weiteres Bargeld. Fünf Geiseln werden freigelassen. Gegen 23 Uhr lassen die Gangster die beiden Bankangestellten an der Raststätte Grundbergsee frei. Als die Polizei die Komplizin Löblich überwältigt und auf Forderung der Gangster nicht gleich wieder freilässt, erschießt Degowski den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi. Die Polizei gibt Löblich frei. Der Bus fährt Richtung Holland. Bei der Verfolgung verunglückt ein Polizeiwagen. Ein Beamter wird getötet, ein weiterer schwer verletzt.

18. August, Bad Honnef: Rösner erschießt Silke Bischoff

Gegen 2.30 Uhr rollt der Bus über die niederländische Grenze. Wieder fallen Schüsse, der Busfahrer und Löblich werden verletzt. Im Austausch gegen ein neues Fluchtauto werden fast alle Geiseln freigelassen. Mit den beiden jungen Frauen Silke Bischoff und Ines Voitle setzt das Trio seine Fahrt fort. Um 7.10 Uhr überquert das Fluchtauto bei Gronau die Grenze in die Bundesrepublik. Gegen 11 Uhr erreichen die Verbrecher Köln. Im Gespräch mit Journalisten drohen sie, „zu allem entschlossen“ zu sein. Anschließend brausen sie in Richtung Frankfurt davon. Gegen 13.50 Uhr greift die Polizei mit Waffengewalt ein. Sie stoppt das Fluchtauto auf der Autobahn A 3 bei Bad Honnef. Die Geisel Silke Bischoff wird dabei von Rösner erschossen, ihre Freundin überlebt schwer verletzt. dpa

Die Täter: Degowski kommt frei, Rösner macht eine Therapie

Nach fast 30 Jahren wird Dieter Degowski, einer der beiden Drahtzieher des Geiseldramas von Gladbeck, auf Bewährung aus der Haft entlassen. Den genauen Termin hält die Justizvollzugsanstalt Werl, in der Degowski zurzeit noch einsitzt, geheim. Auf Anfrage erklärte Maria Look als Leiterin der Justizvollzugsanstalt Werl: „Aus besonderen Gründen wird dieses Datum nicht bekanntgegeben.“ Sie wies außerdem darauf hin, dass Degowski nicht für den Tod von Silke Bischoff verantwortlich gemacht worden sei. „Herr Degowski bereut aber zutiefst das ganze Geschehen, das er nicht rückgängig machen kann.“ Im Oktober hatte das Landgericht Arnsberg entschieden, Degowski aus der Haft zu entlassen. Die Freilassung sei umfassend geprüft worden. Laut Gutachten sei der heute 61-Jährige „nachgereift, psychisch stabil“ und ohne Alkohol- und sonstige Suchtprobleme, teilte das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen mit. 

Neuer Name für Degowski

Um ihm die Wiedereingliederung zu erleichtern, werde Degowski einen neuen Namen erhalten. Seit 2013 habe er mehrere Freigänge – zunächst begleitet, dann unbegleitet – ohne Beanstandung bewältigt. Anders liegt der Fall bei Hans-Jürgen Rösner. Er war nicht nur wie Degowski zu lebenslanger Haft, sondern außerdem zu anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Erst kurz nachdem bekannt wurde, dass sein Komplize frei kommt, erklärte Rösner sich überhaupt bereit, eine Therapie zu beginnen – so stellte es wenigstens die JVA Aachen dar, wo der heute 61-Jährige seine Strafe verbüßt. Dieser Darstellung widersprach allerdings Rösners Anwalt Rainer Dietz. Es sei falsch, dass sich sein Mandant bisher einer Therapie im Rahmen seiner Haft widersetzt habe. Aber wenn die Therapie nun beginnen könne, sei das gut und „längst überfällig“. 

Das Einzige, was Rösner bestreite, sei, dass er psychisch krank sei. Im übrigen bereue er seine Taten, sagte Dietz. Nach Angaben der JVA Aachen sei es derzeit ausgeschlossen, dass der Mörder von Silke Bischoff in absehbarer Zeit auf freien Fuß kommt. „Er muss ja sein Verhalten ändern. Und dafür braucht er Anleitung“, sagte die Leiterin der Aachener JVA, Reina Blikslager. „Wann diese Therapie abgeschlossen sein wird, ob die erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten.“ 

sdl/dpa/afp

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