Ausgrabungen auf der Baustelle

Bei Kühne und Nagel: Geheimgang zur Weser

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Grabungsleiterin Claudia Melisch zeigt auf die historischen Mauerreste auf der Kühne-und-Nagel-Baustelle an der Weser. Sie werden abgetragen, aber zuvor mit 3D-Scans dokumentiert – und bleiben auf diese Weise wenigstens virtuell erhalten.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Wir stehen auf besonders historischem Grund“, sagt Dr. Dieter Bischop, bei der Landesarchäologie zuständig für die Stadt. Der historische Grund liegt mitten in der Stadt und direkt an der Weser. Die Kühne-und-Nagel-Baustelle ist es, buchstäblich wirtschaftshistorischer Grund. Auf dieser Baustelle haben die Archäologen – im Zuge der Ausschachtungsarbeiten für den Neubau des Unternehmens – wichtige Mauerzüge freigelegt. Sichtbar wurden Überreste der ältesten Weserbrücke Bremens.

Die Archäologen haben letzte Reste des östlichen Torhauses der Großen Weserbrücke aufgedeckt. „Eine Brücke wird an dieser Stelle erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 1244 erwähnt“, sagt Bischop. In den folgenden 700 Jahren wurde die Brücke wieder und wieder erneuert. Auf fast jeder historischen Stadtansicht ist sie zu sehen. Lange Zeit war sie das entscheidende Einfallstor nach Bremen – und bot mit ihrem Tor zugleich Schutz vor Angriffen. Sie führte zur Wachtstraße, die bis zur Südecke des Marktplatzes reicht – und ihren Namen eben von den Torhäusern hat.

Aus der Tiefe ans Licht der Gegenwart: Delfter Kacheln mit ihren charakteristischen Motiven.

„Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden die Brücken mit Holz gebaut“, so Bischop. Eisgang, Hochwasser, Fäulnis – das hielt nie ewig. 1839 und 1895 wurden dann steinerne Brücken errichtet. Besonders schön war die sozusagen kaiserliche Große Weserbrücke von 1895, von der ein Sandstein-Löwenkopf erhalten ist, der heute am Weserufer steht. „Wie die Westminster Bridge, nur ein bisschen kleiner“, sagt Bischop. 1945 sprengten die Nationalsozialisten die Steinbrücke teilweise; sie wurde von den Alliierten notdürftig repariert. 1961 folgte der Abriss, denn 60 Meter weiter war eine neue entstanden – jene Brücke, die heute den Namen von Bremens Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Kaisen trägt.

Die Große Weserbrücke führte praktisch zur Wachtstraße – und die wiederum reicht noch heute bis zum Marktplatz.

Praktisch am Fuß der Wilhelm-Kaisen-Brücke gehen Bauarbeiter und Archäologen jetzt in die Tiefe – hier sind sie auf die letzten Torhaus-Reste der Großen Weserbrücke gestoßen. Ans Licht der Gegenwart kamen Mauern aus dem 15. und 16. Jahrhundert und Umbauten, die bis ins 18. Jahrhundert reichen. Die steinerne Weserufermauer des 16. Jahrhunderts ist zu erkennen. Fundamente der Häuserzeile „An der Tiefer“ zeichnen sich ab.

„Ab nächster Woche wird alles weg sein“

Gut zu erkennen: „Ein unterirdischer Gang, durch den man zur Weser hinauslaufen konnte“, wie Grabungsleiterin Claudia Melisch von der Grabungsfirma „Denkmal3D“ (Vechta) sagt. Solche Auslässe, gleichsam Geheimgänge zur Weser, zur Schlachte, zum Hafen, sind auf einigen Stadtansichten des 17. Jahrhunderts zu sehen. Erhalten bleibt all das nur virtuell. Ab nächster Woche, so Bischop, werden die Mauern „weg sein“. Die Statik des Neubaus lasse einen Erhalt nicht zu, heißt es. „Deshalb ist es wichtig, dass wir es perfekt dokumentieren.“ So, wie es auch schon andernorts geschehen ist, etwa in der Überseestadt. Für diese Dokumentation sorgt „Denkmal3D“ mit dreidimensionalen Scans. Bremens versunkene Welt wird in virtuellen Räumen für Forschungszwecke wieder lebendig.

Andere Funde nehmen die Archäologen mit. „Dinge, mit denen die Menschen sich im Alltag umgeben haben“, so Melisch. Dazu zählen mittelalterliche Pfannen und Töpfe aus Keramik und eine Münze mit Bremer Schlüssel, eine Pinzette aus dem Mittelalter und Scherben von Delfter Kacheln. Und eine eiserne Türangel aus der Renaissance, eine Austernschale aus der Barockzeit sowie Bierflaschen aus dem 18. Jahrhundert. Er hat es in sich, der historische Grund.

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