Modell aus den Niederlanden will in Bremen Fuß fassen

Gegen den Dauerstress in der Pflege

„Wir wollen was verändern“, sagen Astrid Cordes (l.) und Petra Lanfermann-Richter.
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„Wir wollen was verändern“, sagen Astrid Cordes (l.) und Petra Lanfermann-Richter.

Bremen – Dauerstress auf der einen Seite, wenig Wertschätzung auf der anderen: Das konventionelle ambulante Pflegesystem in Deutschland krankt an vielen Ecken und Enden. Konstant am Limit und häufig weit weg vom Menschen, ergibt sich eine Praxis, die oft weder für Patienten noch für Pflegekräfte zufriedenstellend ist. Vor fast 15 Jahren gegründet, fasst das niederländische Modell „Buurtzorg“ jetzt auch Fuß in Bremen und will den Beruf, den viele machen wollen, doch nur wenige lange durchhalten, von Grund auf umkrempeln.

„Wir revolutionieren das deutsche Pflegesystem.“ Große Worte, mit denen die Homepage von „Buurtzorg“ in dicken blauen Lettern wirbt – und ein Versprechen zugleich. Ein Versprechen, das, geht es nach Petra Lanfermann-Richter und Astrid Cordes, auch im kleinsten Bundesland Realität werden soll. Cordes und Lanfermann-Richter sind die Initiatorinnen des Bremer „Buurtzorg“-Ablegers und wollen das „Stiefkind des deutschen Gesundheitssystems“ auf den Kopf stellen. Mehr Menschlichkeit im Umgang mit Patienten, mehr Zeit und den Fokus auf individuelle Bedürfnisse, weniger Stress, mehr Spaß und bessere Bezahlung für Pflegekräfte – das sind nur einige Ziele der neuen Herangehensweise.

Der Weg dahin war steinig, seit Januar gibt es nun das erste „Buurtzorg“-Team in der Hansestadt. In den Räumen eines ehemaligen Blumenladens in Hemelingen hat das Duo zusammen mit aktuell drei weiteren Mitarbeiterinnen seine Zentrale eingerichtet. Wesentlich mehr sollen es in diesem Team auch nicht werden, sagt Astrid Cordes und formuliert damit einen zentralen Punkt in der Philosophie von „Buurtzorg“, das sich aus den niederländischen Worten „buurt“ (Nachbarschaft, Viertel) und „zorg“ (Sorge, Hilfe) ableitet.

Pro Team und Stadtteil gebe es maximal zwölf Mitarbeiter, so soll gewährleistet werden, dass sich Kollegen gut aufeinander einstellen können und Klienten feste Pfleger haben, die mit der Zeit genau wissen, was der- oder diejenige braucht, wo Hilfe besonders nötig ist und welche Besonderheiten der Patient aufweist.

Pflege: Radius beschränkt sich auf wenige Kilometer

Ein weiterer ganz entscheidender Punkt: Es gibt keinen Vorgesetzten, der vorgibt, wer was und wann zu tun hat. Die Teams organisieren sich selbst, so erklären es die gelernten Krankenschwestern Petra Lanfermann und die ausgebildete Altenpflegerin Astrid Cordes. Als Leitfaden halte ein eigens geschaffenes Regelwerk her. Aufgaben würden stets rotieren, so dass jeder jede Aufgabe mache. „Jeder macht alles, jeder fühlt sich für jeden verantwortlich.“ Das müsse man natürlich erst lernen, sagt Cordes, und das funktioniere auch nicht immer reibungslos, aber so habe jeder die Gestaltung selbst in der Hand. Gebe es Probleme, stelle die „Buurtzorg“-Zentrale in Münster, dort, wo sich 2018 das erste deutschlandweite Team bildete, Coaches zur Seite und unterstütze die Mitarbeiter.

Anders als bei vielen anderen ambulanten Pflegediensten, die Akkordarbeit verrichten und von einem Stadtteil zum nächsten fahren, beschränke sich ein Team auf einen ganz bestimmten Radius, der nicht größer sein solle als etwa fünf Kilometer. So könnten die Pfleger und Pflegerinnen die Patienten per Rad erreichen, auch kurzfristig beim Klienten sein – und auf dem Weg noch spontane Erledigungen verrichten. Zudem würden so bessere und nachhaltig nutzbare Netzwerke aufgebaut sowie Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Vereine und Organisationen mit eingebunden.

Aus ihrer eigenen Erfahrung in der Pflege wüssten die beiden, dass viele private Dienste fast ausschließlich auf Profite schauen. „Die gucken ständig: ,Wo können wir noch was verkaufen?’“ Bei „Buurtzorg“ stünde der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt.

Abrechnung nach Zeit, nicht nach Komplexen

Es gehe, so Cordes, ganz zentral um Teilhabe und Selbstständigkeit. Deshalb unterscheide sich auch die Art der Leistungsabrechnung fundamental vom konventionellen System: „Buurtzorg“ rechne nach Zeit, nicht nach Leistungen (sogenannte Komplexe) wie „große oder kleine Toilette“, „Waschen“ und so weiter ab. „Der Mensch braucht mehr, als sich nach den üblichen Modellen erfassen lässt“, ist sich Lanfermann-Richter sicher. Dazu zähle auch, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sich ihre Nöte und Sorgen anzuhören – und dann gemeinsam zum Beispiel mit Angehörigen nach Lösungen zu suchen. Gerade die Art der Abrechnung habe es den Bremer „Buurtzorg“-Gründern anfänglich in Verhandlungen mit den Krankenkassen, die „immer noch einem starren System folgen“, schwer gemacht, sagt Cordes. Ein monatelanger Kampf, der sich jetzt ausgezahlt. Zwar stünde das Team noch am Anfang und sucht deshalb auch dringend Mitarbeiter, doch ein Ass haben die beiden Frauen dabei im Ärmel: „’Buurtzorg’ bezahlt gut. Man kann davon leben. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt.“ Es müsse ein Umdenken stattfinden, denn: „Pflege wird so auf Jahre nicht funktionieren können.“

Anders als häufig dargestellt, gebe es genug Menschen, die pflegen wollten, „doch die lernen nach ein paar Jahren das System kennen und steigen dann aus“. Diese Abwärtsspirale wolle „Buurtzorg“ durchbrechen – am Ende mit Vorzügen für alle Seiten.

2007 von Jos de Blok ins Leben gerufen, entwickelte sich „Buurtzorg“ in den Niederlanden zu einem wahren Erfolgsmodell der ambulanten Pflege. Anfangs mit fünf Personen und einem Team gestartet, kümmern sich heute nach eigenen Angaben täglich mehr als 1 000 autonome Teams und 15 000 professionelle Pflege- und Betreuungskräfte um rund 85 000 Patienten. Jedes Team erhält dort pro Jahr einen Festbetrag von etwa 350 000 Euro, den es selbst verwaltet und von dem ein fixer Prozentsatz von drei Prozent gemäß den Bedürfnissen und Interessen in Weiterbildungen investiert wird. Untersuchungen zeigten, so heißt es, dass „Buurtzorg“ die Kosten pro Patient fast halbiert, die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter gleichzeitig aber verdoppelt habe.

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