Gedränge und Emotionen

DAS BREMER BILD im direkten Vergleich zu weiteren 75 Bildern Munchs, auf denen er vor allem Altern, Tod und Leidenschaft thematisiert.
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DAS BREMER BILD im direkten Vergleich zu weiteren 75 Bildern Munchs, auf denen er vor allem Altern, Tod und Leidenschaft thematisiert.

Bremen -

BREMEN. „Die Bilder haben uns tief ergriffen.“ „Ich bin sehr bewegt.“ „Das Kommen hat sich gelohnt.“ Das Besucherbuch der Kunsthalle Bremen nutzen viele für einen Kommentar zum gerade Gesehenen. Über die Ausstellung „Edvard Munch – Das Rätsel hinter der Leinwand“ finden sich auffallend emotionale Einträge. Wer aus dieser Sonderausstellung kommt, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, in der nahen City shoppen oder fröhlich seinen Nachmittagskaffee trinken. Kaum ein Besucher, der nicht von der Intensität der Bilder, der Motive über Tod und Sterben eingenommen ist.

„Das ist das Höchste, was man von Kunst erwarten kann. Dass sie einen berührt“, sagt Dr. Dorothee Hansen und freut sich über diese Reaktionen, über den Nachhall, wie die Kuratorin sagt. Nach Paula Modersohn-Becker, Monet und Camille sowie Van Gogh ist es seit Oktober der norwegische Maler Edvard Munch, der die Bremer berührt.

An die 140 000 Besucher haben die Sonderausstellung „Rätsel hinter der Leinwand“ bis heute gesehen. Anfahrtswege bis zu 300 Kilometern scheuten sie dafür nicht. Bis die Kunsthalle am nächsten Sonntag um 18 Uhr schließt und die 76 Gemälde, Handzeichnungen und Druckgrafiken Munchs zurück verteilt werden auf fast 20 Museen und weitere Privatsammlungen, aus denen sie zusammengetragen wurden, sollen es 150 000 Menschen gewesen sein.

„Das war unser Ziel für diese Ausstellung und das werden wir auch erreichen“, ist Dr. Hansen als stellvertretende Direktorin der Kunsthalle sicher. Der Besucheransturm in diesen letzten Tagen ist groß.

Mit den angepeilten 150 000 Besuchern reicht die Munch-Ausstellung bei weitem nicht an die 220 000 Besucher der letzten großen Sonderschau „Paula“ heran. Die blanken Zahlen als Indikator für Qualität zu sehen, lehnt Dr. Hansen jedoch energisch ab. Lokalkolorit bei „Paula“, „bunte Bilder“ bei Monet oder Van Gogh, aber auch ein intensives Marketing erklärten frühere Erfolge. Für „Paula“ im Jahr 2007 habe die Kunsthalle zweieinhalb Jahre lang intensiv geworben. „Paula, Paula, immer wieder Paula“, erinnert sich Dorothee Hansen und haben es viele Interessierte ebenso noch in Erinnerung.

Munch hingegen musste sich die Aufmerksamkeit des Publikums teilen mit der Wiedereröffnung der Kunsthalle nach dem viel beachteten An- und Umbau.

„Es ist nicht unser Ziel, nur bunte Bilder zu zeigen“, macht die Kuratorin dieser Ausstellung deutlich, und hält den kritischen Stimmen erneut entgegen, dass sie die Ausein andersetzung mit Botschaften in der Kunst für wichtig halte. Munchs hier gezeigte Arbeiten zu den existenziellen Themen Liebe und Tod, Begierde und Unschuld finden viele zu depressiv, wisse sie um Besuchermeinungen. „Wir sprechen damit sicherlich ein anderes Publikum an als bisher“, sei sie sich durchaus bewusst. Die große Resonanz auf die begleitenden Veranstaltungen über „Munch und die Psychoanalyse“ verstehe sie jedoch als Zuspruch. „Wir wurden in den fünf Veranstaltungen überrannt von Interessierten.“ Und: „Die Reaktionen auf eine Ausstellung waren noch nie so emotional und unmittelbar betroffen“, sagt sie.

Intensiv wird ein Besuch der Munch-Ausstellung nicht nur durch die Konfrontation mit Sterbeszenen, mit dem Altern oder mit der Lüsternheit alter Männer, sondern durch die Begleitung mit Hilfe des Audio-Guides. Erstmals verwendet bei der Ausstellung zu Gustave Caillebotte, werde das handliche Wiedergabegerät jetzt „extrem gut angenommen“, resümiert Dr. Hansen. Die angedachten Ausleihzahlen seien schon jetzt weit überschritten worden.

Gemeinsam mit dem Journalisten Thorsten Jantschek begleitet Dorothee Hansen den Besucher akustisch und quasi persönlich durch die Ausstellung. Die beiden stellen in ihrem Zwiegespräch nicht nur einzelne Bilder vor und interpretieren sie, sondern beziehen die gezeigten Arbeiten Munchs immer wieder auf das „Bremer Bild“, auf das „Mädchen und der Tod“, das erst 2005 sein spektakuläres Geheimnis preis gab: Das für die Ausstellung namensgebende „Rätsel hinter der Leinwand“, ein bisher unbekanntes Munch-Ölbild, „Mädchen und drei Männerköpfe“.

Die Munch-Ausstellung war nicht nur inhaltlich eine Herausforderung für die Bremer Kunsthalle. Spezialisten vom Munch-Museum Oslo als Leihgeber vergewisserten sich akribisch über Klimatechnik und Sicherheitsstandards der neuen Kunsthalle. Dreimal seien die sie dafür an die Weser gekommen. „Das fühlt sich an wie vor einer Prüfung in der Schule, aber wir waren ja gut vorbereitet“, so Dr. Hansen.

Wer „Vampir“, „Mädchenakt“, „Die Hände“ oder „Vier Lebensalter“ noch im vergleich zu den Bremer Bildern erleben möchte, hat dazu bis zum 26. Februar Gelegenheit.

Kuratorin Dorothee Hansen rechnet bis dahin mit einer Vielzahl von Besuchern. „An den Wochenenden wird es sicherlich noch einmal voll“, weist sie auf mögliche Wartezeiten hin.

An den Wochenenden ab 16 Uhr, dienstags ab 19 Uhr sowie an den Wochentagen erwarte sie weniger Gedränge.

Die Kunsthalle ist heute bis 18 Uhr geöffnet, Dienstag von 10 bis 21 Uhr sowie Mittwoch bis kommenden Sonntag täglich von 10 bis 18 Uhr.

Die nächste Sonderausstellung steht dann wieder für „bunte Bilder“ – Friedensreich Hundertwasser ist „Gegen den Strich“ vom 20. Oktober bis 17. Februar 2013 zu sehen. „Aber da läuft noch keine Detailplanung“, sagt Dorothee Hansen. Noch türmen sich auf ihrem Schreibtisch die Unterlagen zu Munch. Darunter viele Zuschriften auch an sie persönlich. „Die Ausstellung hat uns sehr bewegt“, schreibt eine Gruppe und muss ihren Emotionen auf diesem Wege Raum geben. „Munch kann die Gefühle der Betrachter auch nach 100 Jahren noch ansprechen“, sieht sich Dorothee Hansen bei diesen Reaktionen bestärkt, auch den weniger bunten Bildern großzügig Platz zu machen. Der Anbau habe sich dafür empfohlen.

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