Aus Weyhe an die Landesspitze

SPD-Landesvorstand nominiert Bovenschulte als Bürgermeister

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Andreas Bovenschulte, gerade noch Bürgermeister in Weyhe, soll neuer Regierungschef in Bremen werden – an der Spitze des neuen rot-grün-roten Senats. Der SPD-Landesvorstand hat den 53-Jährigen am Donnerstagabend einstimmig für das Amt nominiert.

Bremen – In knapp zwei Wochen hat Andreas Bovenschulte eine Blitzkarriere hingelegt. Am 24. Juni gerade erst zum Fraktionschef der SPD gewählt, hat ihn der Landesvorstand seiner Partei am Donnerstagsabend einstimmig für das Amt des Regierungschefs im Land Bremen nominiert.

Der 53-Jährige soll Nachfolger von Carsten Sieling an der Spitze des Senats werden. Sieling übernahm im letzten Moment doch noch Verantwortung für die historische Wahlniederlage der Bremer SPD und tritt ab.

Am Mittwochabend erst wurde Bovenschulte in der niedersächsischen Nachbargemeinde Weyhe als Bürgermeister abgewählt – pro forma. Die FDP und „Die Partei“ stimmten dagegen. Über alle Parteien hinweg war man dort mit Bovenschultes Arbeit zufrieden, man ließ ihn ungern ziehen. Die Weyher verzichteten gar bei „Bovis“ Amtsantritt auf seinen Umzug von Bremen in die Wesergemeinde, was unüblich ist.

Bremer Bovenschulte seit 2007 in Weyhe tätig

Auch wenn der 53-Jährige in Weyhe schon vor einem Jahr angekündigt hatte, in die Bremer Politik zurückkehren zu wollen – von sich aus kündigen wollte er dann doch nicht. Bovenschulte war seit 2007 in Weyhe tätig, bis Ende Oktober 2014 als Vize-Verwaltungschef und Vize-Bürgermeister, seit November 2014 als hauptamtlicher Bürgermeister. Seine Amtszeit wäre eigentlich noch bis Ende Dezember 2021 gelaufen.

Gemeinderat Weyhe wählt Andreas Bovenschulte ab

Gemeinderat Weyhe wählt Andreas Bovenschulte ab

In der Bremer Politik ist Bovenschulte, deren Ehefrau Ulrike Hiller ihren Posten als Staatsrätin und Bevollmächtigte Bremens beim Bund und für Europa räumen wird, wenn ihr Mann im Senat sitzt, gut bekannt. Im Jahr 2010 löste er Uwe Beckmeyer als Parteichef ab. Drei Jahre übte er das Amt aus, wurde bald darauf Bürgermeister in der rund 30.000 Einwohner zählenden Gemeinde Weyhe.

Bovenschulte gilt in der SPD als Partei-Linker

Der Jurist, der schon seit Monaten als Nachfolger Sielings gehandelt wird, gilt wie Sieling als Partei-Linker. Zuletzt saß er als SPD-Fraktionschef mit am Tisch, als das rot-grüne-rote Bündnis geschmiedet wurde, das Bremen wohl künftig regieren wird. 

Sieling und Bovenschulte kennen sich seit Jahren, lebten mal gemeinsam in einer Wohngemeinschaft. Sieling machte am Montag den Weg für einen personellen Neuanfang beim Wahlverlierer SPD frei. Bovenschulte kann vom Rückzug kaum überrascht worden sein. „Es wäre ja jetzt völlig lebensfern zu glauben, dass er nie ein Wort ausgetauscht hat oder dass er mich nicht hätte teilhaben lassen an der Frage, wie er die Situation bewertet“, so Bovenschulte, der als Polit-Profi genau weiß, was er wann wem zu sagen hat.

Laut Aulepp ist Bovenschulte die einzige Lösung für die SPD

Laut Parteichefin Sascha Aulepp hat der 53-Jährige sich schnell als einzige Lösung herauskristallisiert. Bovenschule sei ein erfahrener Politker, der für die Herzblut-Themen der SPD stehe. „Seine Nahbarkeit und Herzlichkeit werden auch die Bremer und Bremerhavener sehr schätzen“, sagte Aulepp vor Pressevertretern. 

Bovenschulte arbeite für den sozialen Zusammenhalt, habe Erfahrungen auch als SPD-Landesvorsitzender und maßgeblichen Anteil an dem, was an sozialdemokratischen Inhalten im rot-grün-roten Koalitionsvertrag stehe.

Bürgerschaft soll Bovenschulte am 15. August wählen

Andreas Bovenschulte wird nun, wenn alles glatt läuft, am Sonnabend, 6. Juli, auf dem SPD-Parteitag nominiert werden. Danach wäre die Bürgerschaft am Zug, die den neuen Senat voraussichtlich erst am 15. August wählt. Der Posten des SPD-Fraktionschefs muss derweil auch noch neu besetzt werden.

Wie er sich einen Bürgermeister vorstellt, daran lässt der Sozialdemokrat Bovenschulte keinen Zweifel. „Ein Bürgermeister darf sich nicht um sich selbst drehen, er muss den Bürgern zuhören und ihre Meinung ernstnehmen“, wird er zitiert – allerdings mit Blick auf seine Arbeit in Weyhe. Das dürfte jedoch auch für Bremen gelten.  

gn/je/dpa

SPD erklärt: Mäurer und Bogedan sollen bleiben

Der SPD-Landesvorstand hat am Donnerstagabend neben dem neuen Regierungschef auch die weiteren SPD-Mitglieder für den rot-grün-roten Senat nominiert. So sollen Ulrich Mäurer (67) Innensenator und Claudia Bogedan (44) Senatorin für Kinder und Bildung bleiben. 

Das neu zugeschnittene Ressort für Häfen, Wissenschaft und Justiz soll die Bremerhavener Stadträtin Claudia Schilling (51) übernehmen. Den Senat verlassen neben Bürgermeister Carsten Sieling (60) auch WIrtschaftssenator Martin Günthner (43) und Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (59). 

Bremens neuer „Außenminister“, also Bevollmächtiger des kleinsten Bundeslandes beim Bund und für Europa, soll Olaf Joachim (54) werden, der bisherige Chef der Senatskanzlei. Er löst Bovenschultes Frau Ulrike Hiller (54) ab. Den Personalvorschlägen des Landesvorstands muss am Sonnabend ein Landesparteitag zustimmen.

Kommentar: „Bovi“ muss die SPD retten

Von Jörg Esser.

Und plötzlich geht alles ganz schnell: Erst vor knapp zwei Wochen ist Andreas Bovenschulte von den siechenden Bremer Sozialdemokraten zu ihrem Fraktionschef gewählt worden. Und jetzt soll der 53-jährige Parlamentsneuling gleich Bürgermeister und Präsident des Senats werden. 

Nachfolger des glücklosen Carsten Sieling, der nach den Koalitionsverhandlungen das Handtuch warf. „Bovi“, wie ihn Parteifreunde nennen, wird seit langem als Kronprinz gehandelt. Von Juni 2010 bis Oktober 2013 war er Landeschef der Bremer SPD. Schon vor vier Jahren, als Jens Böhrnsen einen Tag nach dem ersten großen Wahldebakel die Reißleine zog, galt Zwei-Meter-Mann Bovenschulte als potenzieller Nachfolger. 

Doch die Wahl fiel auf Carsten Sieling. „Bovi“ blieb im Umland, stieg in Weyhe zum Bürgermeister und Verwaltungschef auf. Eine gutdotierte Warteschleife, ein perfektes Übungsfeld. Vor gut einem Jahr mischte er in Bremen wieder mit – Sieling präsentierte seinen Freund als Bürgerschaftskandidaten. Durchaus mit dem Ziel, Bovenschulte als Nachfolger aufzubauen. Aber auch mit der sicheren Annahme, die nächste Wahl zu gewinnen. Denkste. Das war wohl nichts. 

Die Bremer stürzten ihre SPD von der ewigen Tabellenspitze auf ein historisches Tief und auf Platz zwei hinter der CDU. Sieling und Co. retteten sich in eine rot-grün-rote Koalition. Der Vertrag ist unter Dach und Fach gebracht worden. Jetzt soll der Jurist das 140-seitige Werk mit Leben füllen. Das ist eine ambitionierte Aufgabe. 

Der 53-Jährige muss seine Partei vor dem weiteren Abstieg retten, die vor Kraft strotzenden Grünen und die selbstbewussten Linken bei der Stange halten. Und er darf die erstarkte CDU mit Wahlsieger Carsten Meyer-Heder nicht davonziehen lassen. Nun denn! Kreativität ist gefragt. In Weyhe hat sich „Bovi“ den Ruf eines erfolgreichen Gestalters und Entwicklers erworben. 

Bremen ist eine andere Dimension. Aus dem „Dorfbürgermeister“, wie ihn Politiker-Kollegen despektierlich nennen, wird ein Landesvater. Einer, der auch auf der großen Berliner Bühne mitspielen muss. Eine gewaltige Aufgabe. Bovenschulte muss liefern. Schnell liefern.

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