Rüdiger Engler ist „Retter aus Leidenschaft“

Über Bremen im Einsatz mit „Christoph 6“

Ein eingespieltes Team: Rüdiger Engler und der ADAC-Rettungshubschrauber „Christoph 6“ sind mehr als 24 Jahre über Bremen geflogen. Nun geht die „Piloten-Legende“ (O-Ton ADAC) in den Ruhestand.
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Ein eingespieltes Team: Rüdiger Engler und der ADAC-Rettungshubschrauber „Christoph 6“ sind mehr als 24 Jahre über Bremen geflogen. Nun geht die „Piloten-Legende“ (O-Ton ADAC) in den Ruhestand.

Der ADAC bezeichnet ihn als „Piloten-Legende“: Rüdiger Engler ist viele Jahre den Rettungshubschrauber „Christoph 6“ geflogen - über Bremen. Und der „Retter aus Leidenschaft“ hat einiges erlebt.

Bremen – 30 000 Landungen, 8 000 Stunden in der Luft – Rüdiger Engler ist 24 Jahre lang als Pilot des ADAC-Rettungshubschraubers „Christoph 6“ über Bremen geflogen und hat in dieser Zeit sowohl kuriose Einsätze erlebt als auch solche, deren Tragik ihn bis an sein Lebensende begleiten werden. Nun verabschiedet sich der 60-Jährige in den Ruhestand – eine Geschichte über einen Mann, der „Retter aus Leidenschaft“ war und „den Job seines Lebens“ ausübte.

Wäre Rüdiger Engler Schauspieler geworden – was er jedoch nie vorhatte – hätte er, so sagt er es heute, „die Rolle seines Lebens“ gespielt. So sehr habe ihn der Beruf, aber auch die Berufung als Pilot eines Rettungshubschraubers in jeglicher Hinsicht glücklich gemacht. Weit oben, über der Stadt, mit dem Blick, in dessen Genuss nur wenige kommen. Mit der verbundenen Verantwortung für Crew und Patient, der Abwechslung, dem täglichen Kampf gegen Natur und vor allem: gegen die Zeit. Für all das sei er unglaublich dankbar – und verabschiede sich nun mit „freudiger Wehmut“. 60 Jahre, so sehen es die Regeln vor, darf ein Pilot maximal alt sein. Am Sonntag ist es so weit.

Stationiert am Klinikum Links der Weser

Dabei war der Weg zum Berufspiloten keinesfalls vorgezeichnet. Als Kind, erinnert sich der gebürtige Itzehoer, wollte er Förster werden, das Fliegen im allgemeinen war „ganz weit weg“. Doch nach seinem Realschulabschluss entschied sich der damals 16-Jährige für eine Karriere als Polizist beim Bundesgrenzschutz (BGS, heute Bundespolizei). Und verwarf diese Pläne nach nur zwei Jahren komplett, was er heute als die „weltbeste Entscheidung“ betrachtet. Verbeamtung auf Lebenszeit, die Aussicht auf den Posten als Hauptkommissar – all das hinderte Engler nicht daran, seinen damaligen Vorgesetzten um Entlassung zu bitten, nachdem sich eines Tages einzelne Spezialabteilungen des BGS, unter anderem zwei Piloten, den Neulingen vorgestellt hatten. Englers Wunsch, Pilot zu werden, war geboren. Heute blickt er auf insgesamt 40 Jahre (unfallfreie) Pilotenerfahrung zurück, 24 davon am Steuerknüppel des ADAC-Rettungshubschraubers „Christoph 6“, stationiert am Klinikum Links der Weser (LdW). Der ADAC selbst bezeichnet ihn als „Piloten-Legende“.

Das Zugunglück von Eschede bleibt im Kopf

Rund 8 000 Flugstunden und 30 000 Landungen kamen in dieser Zeit zusammen. Und Eindrücke, die sich eingebrannt haben, wie das Zugunglück von Eschede vom 3. Juni 1998 mit 101 Toten und 287 Verletzen. Engler war, wie viele andere Helfer, vor Ort, koordinierte im „geordneten Chaos“, so sagt er heute, verschiedene Helikopter an ihre optimalen Landeplätze. Das Leid, die Trümmer, die vielen Toten, all das „werde ich bis zu meinem Tod nicht vergessen“.

Der Alltag, will man das so nennen, begann für Engler stets um 6.30 Uhr. Klappen checken, Ölstand kontrollieren, schauen, ob auch alle Kabel am knapp drei Tonnen schweren Eurocopter 135 sitzen. Punkt 7 Uhr Meldung bei der Rettungsleitstelle: „Einsatzbereit!“. Im Schnitt zwei bis sechs Einsätze pro Arbeitstag flog er, manchmal waren es bis zu zehn – und in allen Fällen mit sogenannter Notarztindikation. Atemstillstand, Herzinfarkt – Einsätze um Leben und Tod. Die damit verbundene Verantwortung für den Patienten, aber auch für das mitfliegende Team, habe ihn nie abgeschreckt. „Beeilen ja, aber nie ein unkalkulierbares Risiko eingehen“, lautete seine Devise.

Appell an alle Menschen: „Wir müssen akut helfen“

Blickt Engler heute auf seine Karriere zurück, sei er stolz, die Schönheit des Fliegens, „der traumhaften Welt von oben“ mit der Sinnhaftigkeit der – im besten Fall – Rettung eines Menschen verbunden zu haben. Gerade diese Fusion habe ihn stets zum „Retter aus Leidenschaft“ gemacht. Auch wenn der 60-Jährige meist nicht medizinisch tätig wurde, weil diese Aufgabe Sanitäter und Notarzt übernahmen, habe er sich häufig um Angehörige oder Passanten gekümmert, Situationen erklärt, Trost gespendet. „Man kann als Pilot sitzenbleiben, das entscheidet jeder für sich. Aber das war nie mein Verständnis von diesem Job.“ Diese Denkweise vermisse er in der Bevölkerung, die noch immer zu häufig wegschaue, eben nicht eingreife. „Jeder muss agieren, wenn ein Mensch Hilfe benötigt. Wir müssen akut helfen. Oft entscheiden Minuten, doch leider werden viel zu wenige aktiv.“

Und weil sein soziales Engagement auch nach dem Fliegen nicht einfach aufhöre, möchte er sich nun nicht nur vermehrt seinen Enkelkindern widmen, wieder im Kirchenchor singen sowie Klavier und Didgeridoo spielen, sondern kann sich auch eine Arbeit in Altenheimen oder mit behinderten Menschen gut vorstellen. Eines weiß Rüdiger Engler ganz genau: „Es fällt mir schwer, nach so langer Zeit Abschied zu nehmen. Aber einen Steuerknüppel nehme ich nie wieder in die Hand.“

Die Anfänge: Das Fliegen lernte Rüdiger Engler beim damaligen Bundesgrenzschutz.

Die Spitzen des Bremer Doms als Richtwert

Zwei Motoren, jeder 700 PS stark, Höchstgeschwindigkeit 220 Stundenkilometer, dazu ein Gewicht von knapp drei Tonnen – soweit die technischen Daten des Eurocopter (EC) 135, besser bekannt als „Christoph 6“. Um als Pilot Crew und Patient sicher zu befördern, bedarf es jedoch mehr als technischer Fähigkeiten, sagt Rüdiger Engler. Ganz zentral: Mehrfachkoordination. Mit Hilfe des Steuerknüppels (rechte Hand), zweier Pedale im Fußraum und einem Hebel (linke Hand) wird der Helikopter in der optimalen Flugposition gehalten. Zudem müssen stets alle Instrumente im Blick behalten, der Funk abgehört und das Wetter alle 30 Minuten gecheckt werden. Als Richtwert dienen unter anderem die Spitzen des Bremer Doms: Kann der Pilot diese sehen, ist die Wolkenuntergrenze bei mindestens 100 Metern, es darf gestartet werden. Liegt sie darunter, herrscht Sturm über Windstärke 10 oder zieht ein Gewitter auf, heißt es: am Boden bleiben. Habe man all das im Blick, sei Fliegen „unglaublich sicher“, so Engler. Übrigens: Zum Team des „Christoph 6“ gehören insgesamt 15 Anästhesisten, fünf Notfallsanitäter und drei Piloten. Aus diesem Pool stellt sich stets eine dreiköpfige Crew zusammen. Die Zusammensetzung rotiert dabei regelmäßig.

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