Erfahrungen einer Überlebenden von Auschwitz: Batsheva Dagan im Rathaus

„Je früher, desto besser“

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Batsheva Dagan gestern Nachmittag im Überseehotel an der Wachtstraße. ·

Bremen - Von Thomas Kuzaj45554. Die 87 Jahre alte Frau schiebt den Ärmel hoch und zeigt auf die eintätowierte Nummer. 45554. „Das ist mein Schicksal.“ Die Nummer, die bedeutete, das Bat sheva Dagan ermordet werden sollte. „Das ist mein Sieg, dass ich lebe. Ich habe den Tod oft getroffen.“

Batsheva Dagan ist morgen Ehrengast der Bremer Feierstunde zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Als Überlebende von Auschwitz wird die Kinderpsychologin und Autorin im Rathaus über ihre Erfahrungen sprechen. „Die Welt muss wissen, was der Nationalsozialismus getan hat.“ Die Zahl 45554 auf ihrem linken Arm hält sie auch all jenen entgegen, die das bestreiten wollen.

1925 wurde sie als Izabela Rubinstein in Lodz, Polen, geboren – Kind einer jüdischen Familie. Sie hatte acht Geschwister. In der Verkleidung – oder: Rolle – einer katholischen Polin, ausgestattet mit falschen Papieren, leistete sie Zwangsarbeit als Dienstmädchen im Privathaushalt des Landgerichtsdirektors von Schwerin. Stramme Nazis, antisemitische Sprüche. Die „Katholikin“ durfte sich nichts anmerken lassen.

„Jeden Tag habe ich Hitlers Bild abstauben müssen“, sagt Batsheva Dagan. Nach einer Denunziation flog ihr Versteckspiel auf. Sie kam zunächst in verschiedene Gefängnisse. Am 25. Mai 1943 wurde sie in das Lager Auschwitz-Birkenau deportiert.

Nach ihrer Befreiung ging Batsheva Dagan zunächst nach Belgien, vier Monate später nach Palästina. Heute lebt sie in der Stadt Holon in der Nähe von Tel Aviv. Sie reist oft nach Deutschland und spricht in Schulen. Anfangs sei sie „mit sehr gemischten Gefühlen“ nach Deutschland gekommen, sagt Batsheva Dagan.

1974, bei einer Tagung in Holland, hat sie zum ersten Mal wieder die deutsche Sprache gehört. „Ich habe geweint.“ Und: „Dann habe ich überlegt. Die Sprache ist nicht schuldig. Der Mensch ist schuldig.“

Sie hat sich intensiv damit beschäftigt, jungen Menschen von Nationalsozialismus und Shoa zu berichten. Wann sollte man damit anfangen? „Je früher, desto besser“, sagt Batsheva Dagan. Sie ist überzeugt, dass junge Kinder bessere Zuhörer als ältere Kinder sind. „Zum Beispiel Grimms Märchen – die haben auch schreckliche Wahrheiten.“

Was nicht bedeute, den Kindern zuerst von Grausamkeiten zu erzählen. „Ich bin nicht dafür.“ Eher gehe es darum, positive Beispiele zu vermitteln. Darum, von Menschen zu berichten, „die sich in Gefahr gesetzt haben, um Menschen zu retten“. Das Böse verurteilen, das Gute als Identifizierungsmodell anbieten – so sieht es Batsheva Dagan. Diesen Grundsätzen folgend, hat sie Kinderbücher wie „Chica, die Hündin im Ghetto“ geschrieben.

Anderes drückt die 87-Jährige in Gedichten aus. Sie haben Titel wie „Der Blick“ und „Wie gelang es mir zu überleben?“ – als Ehrengast der Bremer Gedenkstunde wird Batsheva Dagan morgen auch einige ihrer Gedichte vortragen. Ihre Ansprache trägt den Titel „Wenn Sterne sprechen könnten“.

· Die zentrale Bremer Feierstunde zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus beginnt morgen, am Sonntag, 27. Januar, um 18 Uhr im Rathaus. Schüler der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-Brinkum lesen aus dem „Erinnerungsbuch für die als Juden verfolgten Einwohner Bremens“.

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