Bremer Verwaltungsgericht verhandelt ab Freitag über die Fortsetzung der Affenversuche an der Uni

Freie Forschung oder Tierschutz?

Hirnforscher Prof. Andreas Kreiter in seinem Büro an der Bremer Uni.

Bremen - Von Irena Güttel (lni) · Die deutsche Wissenschaftsgemeinschaft blickt in diesen Tagen gespannt nach Bremen. Dort steht nichts Geringeres auf dem Prüfstand als ihr höchstes Gut: Die im Grundgesetz verbürgte Forschungsfreiheit. In der Hansestadt beschäftigt sich von Freitag an das Verwaltungsgericht mit den umstrittenen Affenversuchen der Universität.

In dem aufsehenerregenden Prozess sollen die Richter entscheiden, ob die Experimente weitergehen dürfen. Ihr Urteil könnte Maßstäbe setzen. Denn sie müssen klären, welches Recht schwerer wiegt. Die freie Forschung oder das Staatsziel Tierschutz.

Seit 1998 erforscht der Neurobiologe Andreas Kreiter an Makaken die Funktion des Gehirns. Dabei geht er nicht gerade zimperlich mit den Affen um. Bei den Versuchen sitzen sie oft stundenlang fixiert in einem Stuhl aus Plexiglas. Auf einem Bildschirm erscheinen im Sekundentakt bunte Symbole. Drückt das Tier im richtigen Moment eine Taste, erhält es zur Belohnung etwas Saft. Haarfeine Elektroden, die die Wissenschaftler durch ein Loch im Schädel des Affen schieben, messen dabei die Aktivität im Hirn.

Vor den Experimenten lässt Kreiter seine Probanden dursten, damit sie motiviert mitarbeiten. Am Ende werden sie getötet, damit Kreiter ihre Gehirne untersuchen kann. Doch leiden die Tiere für die Versuche unerträgliche Qualen? Ja, sagen Tierschützer. Nein, meint der Forscher.

Die Haltung der Affen sei artgerecht, die Eingriffe seien schmerzlos, betont der Professor vom Institut für Hirnforschung. Seine Arbeit ist Grundlagenforschung und nach Ansicht der Uni unverzichtbar, um künftig schwere Krankheiten wie Epilepsie und Alzheimer heilen zu können. „Ohne dass wir verstehen, wie das Gehirn funktioniert, wird es keine Therapien geben“, sagt Kreiter.

Das sieht die Gesundheitsbehörde der Hansestadt anders. 2008 weigerte sie sich, die Genehmigung für die Tierversuche zu verlängern. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Belastungen für die Tiere so hoch sind, dass sie durch den Nutzen der Experimente nicht aufgewogen werden“, sagt Behördensprecher Jörg Henschen. Diese Auffassung stützt sich auf drei Gutachten von Biologen aus Deutschland, der Schweiz und Großbritannien.

Kreiter und die Universität legten gegen das Nein Widerspruch ein, den die Gesundheitsbehörde in einer 64 Seiten langen Begründung ablehnte. Also klagte der Neurobiologe. Vor dem Verwaltungsgericht musste die Behörde bereits eine erste Niederlage hinnehmen. Bis zur Entscheidung in der Hauptverhandlung darf der Neurobiologe seine Experimente weiterführen. Wegen der schwierigen Rechtslage deutet sich bereits jetzt ein langwieriges Verfahren an. Rückendeckung erhält Kreiter von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die seine Arbeit mit 1,44 Million Euro fördert. „Die Forschungen von Professor Kreiter sind von höchstem Wert für die Hirnforschung“, urteilt DFG-Präsident Matthias Kleiner.

Wolfgang Apel sieht das anders. „Auch die Forschung muss sich der ethischen Bewertung unterziehen“, sagt der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

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