Tine Wittler liest zum Thema Schönheitsideale in Mauretanien

Frauen wie Dünen

Tine Wittler las im Bremer „Fritz“-Theater zum Thema Schönheitsideale in Mauretanien. ·
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Tine Wittler las im Bremer „Fritz“-Theater zum Thema Schönheitsideale in Mauretanien. ·

Bremen - Von Ilka langkowski„Der Roman war gestorben, und ich wusste, ich würde einen Reisebericht schreiben“, erzählte Tine Wittler bei ihrer Lesung im „Fritz“-Theater am Mittwochabend. Anstelle ihrer fiktiven XXL-Romanfigur Kaja reiste die Autorin selbst nach Mauretanien, auf der Suche nach einem anderen Schönheitsideal.

Unter dem Titel „Wer schön sein will, muss reisen“ fasste Wittler ihre Erlebnisse in dem westafrikanischen Land, in dem Frauen mit großen Rundungen an allen Stellen traditionell als begehrenswert gelten, zusammen. Die füllige TV-Einrichtungsexpertin, Journalistin und Barbesitzerin, stieß in dem Wüstenstaat auf das Gegenteil vom Schlankheitswahn der westlichen Industrieländer.

Wittlers nicht ganz ungefährliche Reise in das arme und politisch zerrüttete Mauretanien hat sie auf eine grundlegende Frage gebracht: Für wen wollen Frauen eigentlich auf eine bestimmte Art und Weise sein? Während sich deutsche Mädchen zu großer Zahl zu dick finden, würden Mädchen in Mauretanien zwangsgemästet, erzählte Wittler. Eine dicke Frau ist im wüstenreichen Mauretanien ein Statussymbol. Dick zu sein, gilt als gesund, schön und begehrenswert. Vor allem auf dem Land lebt das alte Schönheitsideal weiter. Um dies zu erreichen, würden Mädchen zwangsgemästet, und Frauen schluckten Medikamente aus der Tiermast.

Wittler besuchte Menschen vor Ort, sie erhielt Antworten aus erster Hand und aus gänzlich neuen Perspektiven. Da wäre beispielsweise die Dolmetscherin, die das kleine Filmteam um Wittler begleitete. Die schlanke Frau hatte einige Jahre in Deutschland gelebt und konnte sich nicht für eine größere Körperfülle begeistern. Für sie persönlich sei es praktischer, schlank zu sein, so sei sie unabhängiger, las Wittler aus ihrem Buch. Das Körpergewicht mache möglicherweise später krank, und die Männer seien auch nicht mehr so verlässlich wie früher, gab die Dolmetscherin zu bedenken. Dick sein, sei die Versicherung für eine gute Heirat, schlank sein die Versicherung für das Leben in der Stadt und um arbeiten zu können. Es gebe in Mauretanien Frauen, die könnten nicht laufen, sich nicht um die Kinder kümmern und die sehe man nicht auf der Straße, sagte die Dolmetscherin. Doch das bedenkliche Schönheitsideal ist im Umbruch. In dem Land, in dem Frauen noch zwangsverheiratet, gemästet und beschnitten werden, wo Frauen vor Gericht nicht als eigenständige Person gelten, hat mittlerweile die Regierung gegengesteuert und wirbt für ein gesünderes Körpervolumen.

Als Wittler nach über einer Stunde die Lesung beenden wollte, forderte das Auditorium eine Zugabe und erhielt endlich erste Antworten. Ein mauretanischer Filmarchivar erzählte in der gewählten Textpassage, dass er die Dünen der Wüste liebe und Frauen mit ähnlichen Formen. Und er gibt den ersten Hinweis darauf, dass Frauen sich in ihrer Haut wohlfühlen sollten – auch ihrer zweiten Haut. Er glaubt, dass eine dicke Europäerin in zu engen Hosen, die ständig an ihrem Oberteil zupft, sich vielleicht in einer luftig um den Körper gewickelten mauretanischen Mulafa wohler fühlen würde, ähnlich wie mauretanische Frauen, für die die westliche Kleidung nicht passe. Der Archivar fragte, auf wen sich Frauen in ihrer eigenen Beurteilung eigentlich beziehen – darauf, wie sie den eigenen Körper selbst sehen, oder darauf, wie andere diesen sehen. Er riet, dass der Körper sich der Seele anpassen sollte, statt umgekehrt. Er empfahl den Frauen, sich auf ihre Kraft und Schönheit zu besinnen. Weitere Textproben und Weisheiten aus dem fernen Land ließ sich Wittler leider nicht mehr entlocken. Das Buch, im Fischer Verlag erschienen ist, gibt es im Handel. Kommendes Jahr soll ein Dokumentarfilm zu Wittlers Reise in den Kinos zu sehen sein.

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