„Bremer Frauen-Geschichten”

Clara Hocke: Die Frau mit dem Leierkasten

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Im Haus Nummer 14 im Schnoor lebte Clara Hocke 24 Jahre lang. Das Haus gehört zu den ältesten Wohnhäusern Bremens.

Bremen - Von Nina Seegers. Sie war weder Politikerin oder Frauenrechtlerin noch Künstlerin oder Literatin. Clara Hocke, geborene Taphorn, (1901 bis 1981) gehörte zum dem „einfachen Volk“. Die Frau mit der Drehorgel ist so etwas, was man ein „Bremer Original“ nennt. Ihr ist daher eine Folge unserer Serie „Bremer Frauen-Geschichten” gewidmet.

Wie das bei solchen Leuten häufig so ist, gibt es viele Anekdoten, aber wenige Fakten zu ihrem Leben. Bleiben wir also bei dem, was wir glauben zu wissen: „Mudder Hocke”, wie sie im Volksmund auch gern genannt wurde, stammte aus einfachen Verhältnissen und heiratete mit 24 Jahren ihren Mann, den Tischlermeister Heinrich Hocke. Zusammen lebten sie im Schnoor, in dem Haus Nummer 14. Das Haus aus dem Jahr 1600 gehört zu den ältesten Wohnhäusern Bremens, heute beherbergt es eine Chocolaterie.

Nach der Inflation von 1923 und aufgrund von hoher Arbeitslosigkeit in der gesamten Weimarer Republik herrschte große Armut im ganzen Land. Auch in Bremen lebten zu jener Zeit viele Menschen von der Hand in den Mund. Clara Hocke aber war offenbar keine Frau, die den Kopf in den Sand steckte. Im Gegenteil: Als das Geld, was ihr Mann als Tischler verdiente, nicht mehr ausreichte, kaufte sie noch während der anhaltenden Wirtschaftskrise eine Drehorgel und machte aus der Not eine Tugend: Da sie und ihr Mann von Haus aus musikalisch waren, zogen sie fortan als Musikanten durch die Hansestadt. Bis zu 180 Drehorgelspieler sollen zu jener Zeit Bremens Straßen und Plätze besetzt haben, die Konkurrenz war also groß. Das Ehepaar Hocke setzte sich aber offensichtlich durch, und der Leierkasten sicherte ihm in den so unsicheren Zeiten die Existenz.

Im Haus Nummer 14 im Schnoor lebte Clara Hocke 24 Jahre lang. Das Haus gehört zu den ältesten Wohnhäusern Bremens.

Und wer hätte es gedacht: Nach dem Zweiten Weltkrieg lief das Geschäft mit der Drehorgel sogar so gut, dass Clara Hocke erfolgreich einen Drehorgelverleih betrieb. Nicht ganz unschuldig an dem Geschäftserfolg war der Brauch des Domtreppenfegens. Wenn also ein unverheirateter Mann an seinem 30. Geburtstag von Freunden und Familie zu den Domtreppen geschleppt wurde, um zu fegen, durfte Clara Hockes Drehorgel nicht fehlen.

„Im Laufe der Jahre entwickelte sich ,Mutter Hocke’ zu einer perfekten Mechanikerin, die penibel auf ihre Instrumente achtete und sie in ihrer Werkstatt im hinteren Teil des Hauses selbst wartete und reparierte”, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Christine Holzner-Rabe in dem Buch „Frauen Geschichte(n)”. Clara Hocke starb im Alter von 80 Jahren 1981.

Um die gute alte Drehorgel vorm Aussterben zu schützen, gibt es in Berlin übrigens ein internationales Drehorgelfest. Im Juni 2017 beteiligten sich daran mehr als 120 Leierkastenfrauen und -männer. Übrigens: Der Berliner Drehorgelbauer Axel Stüber beantragte im November 2017, die Leierkastenmusik als Weltkulturerbe anzuerkennen.

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