140 Jahre Grashoff-Geschichte in einem Band

Frankreich an der Weser

Mit Akribie führte Johann Georg Schmidt sein Lieferantenverzeichnis – bis 1928. Abgebildet ist es nun in dem Buch zur Unternehmensgeschichte.
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Mit Akribie führte Johann Georg Schmidt sein Lieferantenverzeichnis – bis 1928. Abgebildet ist es nun in dem Buch zur Unternehmensgeschichte.

Bremen - Von Thomas Kuzaj · Loriot war hier Stammgast, an den Wänden hängen gerahmte Spuren seines Wirkens. Pater Athanasius Wolff aus dem Kloster Maria Laach, gebürtiger Bremer, kommt regelmäßig her, wenn er Urlaub in seiner Heimatstadt macht. Roncalli-Gründer Bernhard Paul zählt zu den Freunden des Hauses und schaut ebenfalls jedes Mal herein, wenn er nach Bremen kommt.

Die Rede ist von einer Institution, die voller Bremensien und Geschichten steckt – und weit über Bremens und Deutschlands Grenzen hinaus bekannt ist. Die Rede ist von jenem Geschäft, das Brüne Grashoff am Montag, 23. April 1872, am Schüsselkorb eröffnete – Grashoffs Delikatessen.

Nun gibt es ein Buch (Preis: 45 Euro, Titel: „Es soll kein Geheimnis bleiben“) über die gut 140-jährige Unternehmensgeschichte: 316 Seiten, 478 Fotos und Abbildungen, unzählige Anekdoten, Beiträge zur Kulturgeschichte und liebevoll eingearbeitete Details. Das Autorenteam: Gert von Paczensky, Journalist, Gastronomiekritiker und einst Chefredakteur bei Radio Bremen, vor allem aber Jürgen Dewet Schmidt, seit mehr als 50 Jahren eng mit der Geschichte des Hauses Grashoff verbunden, und dessen Sohn Oliver Schmidt.

Der Band ist chronologisch geordnet, sagt Jürgen Schmidt. Seine Familie kam ins kulinarische Spiel, als „mein Großvater das Geschäft 1900 gekauft hat“. Johann Georg Schmidt übernahm Firma und Haus am Schüsselkorb. Das Faksimile einer Preisliste aus dem Jahr 1910, dem Buch beigelegt, reicht von „Absinth“ bis „Zuckergurken“ – dazwischen: Ananas und Hummer, Kaviar und Pasteten, Champagner und Schnecken.

Und „Nienburger Bisquit“ – Bärentatzen, dem Nienburger Wappensymbol nachempfunden. Der Fabrikant Friedrich Facompré lieferte sie bis 1965 an Grashoff, sagt Schmidt. „Er brachte sie täglich. Die hielten nur eine Woche, weil der Teig sehr schnell austrocknete.“

Wer seit Jahrzehnten beruflich mit Delikatessen zu tun hat, erinnert sich an solche Details. An den Umzug ins Ronning-Haus an der Sögestraße 54 im Jahr 1965 ebenfalls. Hier führte Jürgen Schmidt etwas ein, das er in Frankreich gesehen (und erlebt) hatte – er erweiterte das Geschäft um ein Bistro. Für das Unternehmen und für Bremen als kulinarischen Standort war das ein Quantensprung. „Unser Gedanke war, dass der Gast den Eindruck haben muss, er wäre in Frankreich“, schreibt Schmidt. Nun, wie soll man es sagen? Die Illusion war perfekt, nicht zuletzt dank eines Küchenchefs wie Rüdiger König.

Und dank der Kunst, mit der Barbara Schmidt (bis heute) im Gästebereich Regie führt. Seit 1985 sind Geschäft und Bistro an der Contrescarpe zu finden, mit Blick auf die Wallanlagen.

Saucen und Wein, Pralinen und Schokolade – die Schmidts haben aus Grashoff eine Marke gemacht, und damit haben sie auch einen bremischen Lebensmittel-Exportschlager geschaffen. Etwa mit ihren unverwechselbaren Konfitürengläsern, auf deren Etiketten Aquarelle der Künstlerin Karin Hollweg zu sehen sind. Schrift und Erscheinungsbild hatte die Grafikerin Sybille Haase aus dem Schnoor entwickelt.

Auf all das und einiges mehr blickt Schmidt in seinem Buch zurück. In die Zukunft blicken kann er leider nicht. Die Fläche zwischen Swissôtel und Wallanlagen, sozusagen der Platz vor dem Bistro, soll den Namen „Loriot-Platz“ bekommen. Das Straßenschild fehlt aber noch. Die Schmidts wollen zudem ein Loriot-Denkmal stiften – eine Bank, auf der ein typisches Knollennasenmännchen sitzt. Schmidt: „Es wäre schön, wenn wir das hinkriegen.“

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