Fotos, Videos und Dokumente

Ausstellung erinnert an „Vernichtungsort Malyj Trostenez“

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Sie zeigen eine der Bremer Ausstellungs-Ergänzungen – von links gesehen: Peter Junge-Wentrup (IBB), Barbara Johr („Stolpersteine“), Isa Nolle (Volksbund) und Thomas Köcher (Landeszentrale für politische Bildung).

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Am Barkhof war die Sammelstelle. Auf dem Schulhof. Von hier aus wurden 570 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Bremen, Bremerhaven und dem Bremer Umland am 18. November 1941 ins Ghetto Minsk deportiert. Fast alle von ihnen wurden in Malyj Trostenez, heute ein Vorort von Minsk, umgebracht. Die Geschichte von Malyj Trostenez ist Thema einer Ausstellung, die Bürgermeisterin Karoline Linnert (Grüne) am Dienstag, 19. September, im Rathaus eröffnet.

Der Syker Kaufmann August Deichmann ist mit Minna Kahn verheiratet. Sohn Fredy kommt 1910, Tochter Ruth 1913 zur Welt. Fredy steigt in das Geschäft des Vaters mit ein. In der Reichpogromnacht 1938 werden Vater und Sohn verhaftet und für Wochen ins KZ Buchenwald gesperrt. Ab August 1941 leben August, Minna und Fredy Deichmann in Bremen. Am 18. November stehen auch sie am Barkhof. Im Zug nach Minsk ist auch Ruth Deichmann, verheiratete Obermeier, mit ihrem Mann. Als 1943 das Ghetto Minsk aufgelöst wird, ist nur noch Fredy Deichmann am Leben. Er stirbt 1944 in einem Außenlager des KZ Flossenbürg.

Das Schicksal der Deichmanns zählt zu den regionalen Beiträgen, um die die Wanderausstellung auf ihrer Bremer Station ergänzt wird. Hinzu kommen Dokumente wie der Abschiedsbrief eines Deportierten an seine Tochter in Berlin, so Dr. Barbara Johr (Projekt „Stolpersteine“).

Schau ist das Ergebnis eines internationalen Pilotprojekts

Die insgesamt 18 Tafeln der Ausstellung würdigen die Opfer und zeigen Malyj Trostenez als europäischen Tat- und Erinnerungsort. Die Ausstellung ist das Ergebnis eines zweijährigen internationalen Pilotprojekts von Historikern aus Belarus (Weißrussland), Deutschland, Österreich und Tschechien. Mit Fotos, Videos und Dokumenten werden beispielhafte Biografien geschildert – die Lebensgeschichten von Fjodor Schuwajew (Rotarmist), Hanus Münz (Jude aus Prag), Zyra Goldina (Jüdin aus Minsk), Lili Grün (Jüdin aus Wien), Erich Klibansky (Jude aus Köln), Jewgenij Klumow (Zivilist aus Minsk) und Nikolaj Walachanowitsch (Mitglied des Widerstandes in Minsk).

Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund hat die Zusammenarbeit initiiert – eine durchaus besondere Zusammenarbeit. „Der Vernichtungsfeldzug ist in Belarus ein Trauma“, sagt Peter Junge-Wentrup, langjähriger Geschäftsführer des IBB. „Nach der Ermordung wurden die Massengräber wieder geöffnet, die Leichen herausgenommen und in Verbrennungsanlagen vernichtet. Das Ziel der deutschen Besatzer war, die Spuren zu verwischen.“ Und: „Die Erinnerung an den wenig bekannten Vernichtungsort Malyj Trostenez ist deshalb aus unserer Sicht ein ganz zentraler Punkt für ein Lernen aus der Geschichte für eine gemeinsame Zukunft in Europa.“

Gedenkstätte in Minsk soll 2018 eröffnet werden

Parallel zu der zweisprachigen Ausstellung wird eine gemeinsame Gedenkstätte in Minsk geplant, die 2018 eröffnet werden soll. Eine Million Euro kostet das Projekt. Der Volksbund unterstützt es mit 100.000 Euro – und die Wanderausstellung ebenfalls. „Es ist für uns selbstverständlich, dieses Projekt finanziell zu unterstützen“, sagt Landesgeschäftsführerin Isa Nolle. Jugendbegegnungen in Belarus und in Bremen seien geplant.

Neben den regionalen Biografien wird die Ausstellung in Bremen zudem um ein großes Begleitprogramm ergänzt – mit Vorträgen und Lesungen, Filmen und Rundgängen. So wird in der Zentralbibliothek (Am Wall 201) am Donnerstag, 21. September, der vierte Band der „Spurensuchen“ zu „Stolpersteinen“ vorgestellt (19 Uhr). Thema sind „Stolpersteine“ in Schwachhausen und Horn-Lehe. Zudem enthält der Band einen Beitrag über die Deportation nach Minsk.

Die Ausstellung „Malyj Trostenez – Geschichte und Erinnerung“ ist vom 20. September bis zum 15. Oktober in der Unteren Rathaushalle zu sehen. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr.

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