Begeisterung im Bürgerhaus Weserterrassen

„Die Zollhausboys“: Fluchterfahrung wird zur Musik

Spielen einen Song über bessere Tage in Aleppo: Pago Balke (v. l.), Delyar Hamza, Ismaeel Foustok und Azad Kour, vier der sechs „Zollhausboys“. - Foto: Kowalewski

Bremen - Von Martin Kowalewski. Mit Schirmmütze und der zarten Stimme eines Jugendlichen singt Azad Kour „Der kleine Kasten“. Er ist aus Syrien geflüchtet und kam in eine Unterkunft in Bremen. „Ich muss unter Leute, aus meinem Zimmer raus. Wenn ich zu viel allein bin, raste ich aus.“ Es bleibt der Blick aufs Handy. Hat die Familie geschrieben? An der Situation ändert das nichts: „Der kleine Kasten ist das Stück Heimat, das mir hier bleibt.“

Dann beginnt Kour zu tanzen. Er misst den Raum aus, betastet imaginäre Wände mit den Handflächen, testet seine Bewegungsmöglichkeiten mit den Armen, um dann weite Bewegungen mit dem ganzen Körper in der angedeuteten Enge zu vollziehen. 130 Zuschauer blicken auf ihn. Kour gehört zu der Formation „Die Zollhausboys“, die am Sonntag im seit Wochen ausverkauften Bürgerhaus Weserterrassen ihr Programm zeigte.

„Die Zollhausboys“ sind neben dem Schauspieler Pago Balke und dem Schlagwerker Gerhard Stengert vier junge Syrer, geboren in den Jahren 1999 und 2000: Delyar Hamza, Ismaeel Foustok, Shvan Sheikho und Azad Kour. Die Jugendlichen gießen ihre Erfahrungen mit Flucht, Heimat und Fremdheit zusammen mit den alteingesessenen Künstlern in Songs und Sketche.

Kour singt über seelische Schmerzen

Foustok findet das Leid seiner Heimatstadt Aleppo im Bremen des Jahres 1945 wieder und besingt das im Song „Aleppo“, in dem er auch ein idyllisches Leben als Jugendlicher im heutigen Krisengebiet aufleben lässt. Kour singt in „Sehnsucht“ über seelische Schmerzen. Ob er seine Heimat oder eine Freundin vermisst, sagt der Text nicht. Doch es bleibt Hoffnung. Die letzte Strophe lautet: „Ich bin so weit weg von Dir, doch wenn ich in die Wolken stier, hab’ ich die Hoffnung, Dich wiederzusehen, weil wir unter dem gleichen Himmel stehen.“

Eine witzige kurze Szene ist „Swinging Tram“. Ein ziemlich cooler Sheikho kommt mit etwas vorgerückter Sonnenbrille, Lederjacke und AC/DC-T-Shirt auf die Bühne. Er nimmt Platz. Es folgt ein etwas biederer Stengert mit Aktenkoffer, Hemd, Jackett und Fliege. Er setzt sich neben Sheikho und seine Verwirrung nimmt ihren Lauf: Sheikho hat den Swing. Er klopft mit dem Fuß Rhythmen. Stengert versucht, ihn zu beruhigen. Eine kurze Pause, dann kehrt der Swing mit gesteigerter Intensität zurück. Der swingende Fahrgast nimmt nun noch einen Arm dazu. Als Stengert etwas verlegen hustet, gibt ihm Sheikho ein paar rhythmische Rückenklopfer. Stengert steigt in die Swing-Performance ein, klopft auf seinem Körper. Manchmal erinnert sein Stil entfernt an einen Schuhplattler, der die Schuhe aber in Ruhe lässt. Stengert strahlt über das ganze Gesicht.

Es wird ernst, Sprache ist gefragt

Sheikho wird still. Delyar Hamza kommt auf die Bühne. Beide betrachten etwas verwundert den tanzenden Stengert. Dann kommt Balke dazu. Jetzt wird es ernst. Sprache ist gefragt, denn es geht an den Programmpunkt „Einbürgerungstest“. Balke macht Ausführungen zu Norddeutschland. „Wir stammen alle von Fischern ab. Und die hießen fast immer Fritz.“ Wichtig sei es deshalb, den bekannten Zungenbrecher „Fischers Fritz“ exakt zu beherrschen. Nächste Lektion: „Wir essen hier viel Gemüse, vor allem im Ostertor“, sagt Balke. Da man Rotkohl weiterhin auch Blaukraut nennen kann, steht ein weiterer wichtiger Zungenbrecher zum regionalen Leben auf dem Lehrplan: „Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.“

„Die Zollhausboys“ zeigen ihr Programm erneut, und zwar am 25. November um 20 Uhr im Kulturzentrum Schlachthof in Findorff. Eintritt: 18 Euro.

www.schlachthof-bremen.de

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