Straßennamen erzählen Geschichten (375): Im Lindenhofviertel hat „Sielers Ballhaus“ einen Ehrenplatz gefunden

Filmpalast, Schlafsaal, Kaffeerösterei

Kreiszeitung Syke

Bremen - Von Jörg EsserBREMEN · Arbeiterviertel, SPD-Hochburg, „Klein Istanbul“: Die Werft AG „Weser“ hat Gröpelingen geprägt. Der Stadtteil am Weserufer war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Dorf vor den Stadttoren – mit stattlichen Landsitzen und großzügigen Parks. Markante Vergnügungsstätten kamen hinzu – „Sielers Ballhaus“ im Lindenhofviertel beispielsweise.

Gröpelingen wird 1218 erstmals erwähnt. Zu jener Zeit taucht ein Thomas de Gropelinge als „Ministeriale des Erzbischofs“ auf. Stammsitz des Rittergeschlechts wird „De Ohle Hoff“ (heute: Ohlenhof). Ende des 15. Jahrhunderts, so heißt es, stirbt das Geschlecht aus.

Zeitsprung: 1899 und 1900 wird im Lindenhof ein mondänes Restaurant mit Kegelbahn und Ballsaal erbaut. Es erhält den Namen „Feenpalast“. Einige Jahre später kauft Ferdinand Sieler das Haus für 125 000 Mark und nennt es in „Burg Hohenzollern“ um. Im Gröpelingen der Kaiserzeit wird die „Burg“ zu einem der beliebtesten Ausflugslokale, notieren die Chronisten von der Geschichtswerkstatt Gröpelingen. Im Tanzsaal finden öffentliche Bälle statt, es gibt plattdeutsche Theateraufführungen. Der Arbeitersportverein Tura veranstaltet hier Turnfeste, der Kriegerverein Regimentstreffen, der Bürgerverein Kindernachmittage. Und reisende Lichtspieltheater zeigen erste Stummfilme.

Während des Ersten Weltkriegs wird die „Burg Hohenzollern“ zum Schlafsaal für Soldaten der kaiserlichen Marine umfunktioniert. Mit Beginn der Weimarer Republik 1919 wird das Haus unter dem Namen „Sielers Ballhaus“ wieder als Vergnügungslokal eröffnet. Die Ära der Tonfilme beginnt. Und die unselige Zeit der Nazi-Herrschaft. Zunächst wehrt sich die in SPD und KPD organisierte Gröpelinger Arbeiterschaft in handfesten Auseinandersetzungen gegen die rechten Schlägertruppen. Doch die Nazis „übernehmen“ auch das „Ballhaus“. Musikstücke von jüdischen Komponisten und „undeutsche Tänze“ wie die Rumba werden verboten. Auf der AG „Weser“ wird derweil die Rüstungsproduktion forciert. Sophie Sieler verkauft das Vergnügungslokal als Soldatenunterkunft an die Kriegsmarine.

Während des Zweiten Weltkriegs wird bei Luftangriffen auf den Bremer Westen das Lokal zerstört. Nur die historische Fassade bleibt erhalten. Die US-Besatzer ordnen an, die Ruine als Entschädigungsleistung ehemaligen KZ-Häftlingen zu übereignen. Diese gründen eine Genossenschaft und nennen das Gebäude zu Ehren eines von den Nazis ermordeten Kommunisten „Robert-Stamm-Haus“. 1947 zieht Willy Hundertmark mit der Redaktion des Blattes „Tribüne der Demokratie“ ins ehemalige „Ballhaus“. Emil Wels gründet im Keller eine Kaffeerösterei.

1956 dann verbietet die Adenauer-Regierung bundesweit die KPD. Die Genossenschaft wird enteignet. Das Haus verliert seine Seele. In den kommenden drei Jahrzehnten ziehen hier eine Möbelhandlung und verschiedene Supermärkte ein. 1990 wird das Lindenhofviertel (das heute knapp 8 000 Einwohner zählt) zum Sanierungsgebiet. Die Bremische kauft die Immobilie. Auf dem Areal soll ein Einkaufscenter entstehen. Die Geschichtswerkstatt kämpft um den Erhalt der Fassade und zieht den Stadtteilbeirat auf ihre Seite. Im Oktober 2008 wird das „Lindenhof-Center“ an der Lindenhofstraße eingeweiht. Die alte „Ballhaus“-Fassade wird zu einem ihrer Haupteingänge. Und seit wenigen Wochen zieren zwei Acryltafeln das historische Portal. Sie erinnern an die traditionsreiche Geschichte des Hauses.

WWW.

geschichtswerksratt-groeplingen.de

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