Prozess gegen Pflegehelfer: Kriminalbeamter sagt vor Gericht aus

Der Tag der Festnahme

„Ihm fehlte die nötige Wertschätzung“, das sagte am Montag ein Kriminalbeamter vor dem Bremer Landgericht über den Angeklagten (vorne rechts) aus. Weiter im Bild: die Verteidiger Lea Voigt und Temba Hoch. Foto: KOLLER

Bremen - Von Steffen Koller. Die Frühschicht ist beendet, der Feierabend eingeläutet. Doch für den 39-jährigen Pflegehelfer, der sich am Bremer Landgericht wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen verantworten muss, wird es am 9. April 2019 ernst. Polizisten holen den Mann an seiner Arbeitsstelle ab, knapp sieben Stunden wird er im Anschluss vernommen. Was er damals sagt, darüber berichtete am Montag ein Kriminalbeamter.

Es sind die üblichen Formalien, mit denen alles beginnt. Rechtliche Belehrung des Mannes, Abfrage der Personalien. Doch schnell wird dem 39-Jährigen klargemacht, dass er Beschuldigter ist. Beschuldigt des versuchten Totschlags an zwei Pflegeheimbewohnerinnen, denen er Insulin gespritzt haben soll, ohne dass dafür eine medizinische Notwendigkeit vorlag. Beschuldigt, die Frauen dadurch in einen lebensbedrohlichen Zustand versetzt zu haben und durch seine eigens eingeleiteten Wiederbelebungsversuche Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhaschen. Anfangs, so berichtete es der 60-jährige Kriminalbeamte vor Gericht, streitet der Pflegehelfer alles ab – und erzählt den Ermittlern mehrere Versionen, was an zwei Tagen Ende März vergangenen Jahres passiert sei.

Glauben tun sie dem Mann nicht, dafür verstrickt er sich zu sehr in Widersprüche, schilderte der Zeuge. Sie fragen nach, immer und immer wieder. Mehr als sieben Stunden sitzt der Angeklagte im Vernehmungszimmer – und mit der Zeit „sprudelte es nur so aus ihm heraus“. So habe der Pflegehelfer erzählt, er habe sich vor seinen mutmaßlichen Taten „im Internet schlaugemacht, was bei einer Unterzuckerung passiert“. Bei beiden Frauen, einer 89-Jährigen und einer 75 Jahre alten Seniorin, habe die Insulingabe „nicht so gewirkt, wie erhofft“, sagte der Polizist. Während der Angeklagte es bei der 89 Jahre alten Heimbewohnerin bei einem Versuch belässt, spritzt er laut eigener Aussagen der 75-Jährigen erneut das Medikament. Schnell gerät diese in einen Schockzustand, muss wiederbelebt werden. Mehrere Tage liegt die Frau auf einer Intensivstation, ringt dort mit dem Tod.

Weil der Pflegehelfer in beiden Fällen selbst den Notarzt rief und somit juristisch einen „Rücktritt vom Versuch“ der Tötung vollzog, schwächte die Staatsanwaltschaft recht schnell nach Prozessbeginn den Vorwurf des versuchten Mordes ab. Mittlerweile lautet die Anklage auf gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen. Das mögliche Motiv bleibt dennoch gleich. Während seiner Vernehmung begründet der 39-Jährige sein Vorgehen laut des Zeugen damit, dass er sich und seine Arbeit nicht anerkannt fühlte. „Ihm fehlte die nötige Wertschätzung“, so der Beamte. Er hätte während seiner Zeit in dem Bremer Pflegeheim Arbeiten verrichten müssen, die nicht zu seinen Aufgaben gehörten. So habe er Leichen waschen und den Tod von Bewohnern feststellen müssen. All das hätte ihn stark belastet, Unterstützung von Kollegen habe er nicht erhalten. Als dann die Festnahme folgt, gewinnt der Beamte den Eindruck: „Der Angeklagte wartete nur auf die Polizei. Er wollte festgenommen werden.“

Die ursprünglich für Montag vorgesehene Verlesung des psychiatrischen Gutachtens über den 39-Jährigen sowie die Schlussvorträge wurden auf Donnerstag, 13. Februar, verschoben. Ein Urteil soll voraussichtlich am Montag, 17. Februar, gesprochen werden.

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