Ein geflüchteter Syrer unterstützt die Landesarchäologie

Feinmotorisches Schaufeln

Innendienst: Was sonst studentische Hilfskräfte erledigen, hat Alshaar im Rahmen seines Praktikums auch getan. Er reinigt Tabakpfeifen aus dem gefüllten Stadtgraben. - Foto: Sussek

Bremen - Von Ralf Sussek. Verstärkung für die Landesarchäologie gibt es nicht so oft, aber zum aktuellen Praktikanten kam die Behörde ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde: Zum ersten Mal verstärkte ein Flüchtling das Team. Und dann auch noch einer vom Fach.

Sechs Wochen lang war ein junger Syrer nicht nur hautnah dabei, sondern mittendrin. Der geflüchtete Archäologe Somar Alshaar aus Damaskus lernte im Rahmen seines Integrationskurses als Praktikant die bremische Archäologie kennen und arbeitete auf den Ausgrabungen in Mahndorf und im Stephaniviertel mit.

Und das ist irgendwie ein doppeltes kleines Wunder. Für die Landesarchäologie, die zum ersten Mal einem Flüchtling ein Praktikum anbot und gleich die Unterstützung eines Fachmanns bekam, und für Alshaar selbst, wenn man die Umstände seiner Flucht betrachtet. Im September 2015 war er aus Syrien geflohen. An der Meerenge zwischen der Türkei und der griechischen Insel Samos setzte er seine Flucht vor – schwimmend. 15 Kilometer Strecke – nur zu schaffen mit einem Schwimmring, der ihn über Wasser hielt, und einem zweiten, in dem er sein Hab und Gut transportierte. Den musst er irgendwann dann aber loslassen. Zu kräftezehrend das Unterfangen. Zu aller Überfluss hatte er das Wichtigste für seine anstrengende Reise vergessen: Wasser. Am Ende seiner Kräfte, Samos schon in Sicht, wählte er auf seinem Telefon die Notrufnummer – und landete bei der griechischen Polizei. Nur dass sie ihn nicht aufnehmen konnte, weil er sich angeblich noch in türkischen Gewässern befand. So dauerte es schließlich noch eine Weile, bis er auf Samos in Sicherheit war.

Vergleichsweise unaufgeregt mit Bahn, Bus und auch zu Fuß verlief die weitere Flucht nach Deutschland. Warum Alshaar nach Bremen gekommen ist? „Mein Cousin in Syrien hat mir damals gesagt, dass Bremen eine gute Stadt sei.“ Woher er das wusste? Alshaar zuckt die Schultern. Sein Cousin lebt übrigens jetzt in Hamburg . . . 

Alshaar lebte zunächst in einem Zelt an der Universität und wohnt und seit Februar im Flüchtlingsheim in Vegesack. Der heute 29-Jährige studierte an der Universität in Damaskus Archäologie, legte dort sein Bachelor-Diplom ab und arbeitete sechs Jahre als Archäologe für die Syrische Generaldirektion der Antiken und Museen. Er führte in der Altstadt von Damaskus überwiegend römische und hellenistische Ausgrabungen durch. Deshalb waren das Bremer Mittelalter etwas ganz Neues für ihn. „Er hat hier eine andere Archäologie kennengelernt“, sagt Uta Halle, die Leiterin der Landesarchäologie. „Hier muss man feiner arbeiten“, sagt Alshaar, und wenn es sowas wie feinmotorische Schaufelarbeiten gibt, dann hat er das hier gelernt.

Ungewiss ist, wie es mit ihm nach dem verheißungsvollen Start weitergeht, auch ob er er irgendwann nach Syrien zurückkehrt. Erst einmal muss über seinen Asylantrag entschieden werden. Dann könnte er bei Grabungsfirmen eine Anstellung finden.

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