Öffnung von Kliniken wird zum Trend

Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen: Angehörige können helfen

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Die "Angehörigengruppe", bestehend aus den Krankenschwestern Birte Gieseke (r), Ines Schreyer (l), Annegret Francksen (2vl) und dem Krankenpfleger Alwin Rusche.

Bremen - Von Julia Dutta. Experten erkennen in der Öffnung von Kliniken für Angehörige von Patienten einen Trend. Im Roten Kreuz Krankenhaus in Bremen dürfen Familienmitglieder sogar leichte Pflegetätigkeiten übernehmen.

Die Nachricht, dass seine Frau auf der Intensivstation liegt, traf Albert Kaspereit wie ein Schock. „Im ersten Moment war ich völlig aufgelöst“, erinnert sich der 71 Jahre alte Bremer. Im Normalfall bedeutet ein Aufenthalt auf der Intensivstation Abgeschirmtheit, starre Besuchszeiten und wenig Kontakt zum Personal. Albert Kaspereit konnte für seine Frau allerdings mehr sein als nur Besucher: Dank des Angehörigen-Konzeptes im Roten Kreuz Krankenhaus (RKK) durfte er das Personal bei leichten Pflegetätigkeiten unterstützen und jederzeit an der Seite seiner Frau sein. Gesicht waschen, Essen reichen, Mund befeuchten: Solche leichten Arbeiten dürfen Angehörige im RKK übernehmen und werden dadurch in den Genesungs- oder auch Sterbeprozess ihrer nächsten Angehörigen mit eingebunden - sofern sie das möchten.

 „Viele stehen zuerst ratlos daneben, sind verunsichert, was sie überhaupt dürfen“, sagt Pfleger Alwin Rusche, der das Angehörigenkonzept gemeinsam mit drei Kolleginnen ausgearbeitet hat. Berührungsängste gegenüber medizinischen Geräten und Personal sollen dadurch abgebaut, der Genesungsprozess durch die Anwesenheit der nächsten Angehörigen unterstützt werden. „Ich hab immer geholfen, wo ich konnte. Voraussetzung ist, keine Angst zu haben“, betont Kaspereit. „Das Wichtigste ist, dass ich für meine Frau da sein konnte. Das hat uns beiden gut getan.“ Mit dem Konzept hat das RKK Wege eingeschlagen, die bisher wenige Krankenhäuser betreten haben. Dennoch erkennen Experten in der Öffnung von Kliniken für die Angehörigen einen Trend. „Besonders was Konzepte wie offene Intensivstationen und die Abkehr von festen Besuchszeiten angeht, schaffen Kliniken zunehmend einen Rahmen für angehörigenintegrierende und umfassende Pflege“, sagt Prof. Stefan Görres vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen.

Noch stärker ausgeprägt seien diese Methoden in der Kinderkrankenpflege, an der sich die Eltern beteiligen. Für Albert Kaspereit hatte die intensive Zeit an der Seite seiner Frau nicht nur positive Seiten. „Ich war zwei Mal pro Tag im Krankenhaus, und als Angehöriger ist man immer in Hab-Acht-Stellung. Das geht auch an die Substanz.“ Und auch das Pflegepersonal empfindet viele Besucher auf der Station nicht ausschließlich als Erleichterung. „Es wird zum Beispiel schwierig, wenn sehr viele Angehörige zu unterschiedlichen Zeiten kommen. Da ist es oft besser, einen festen Ansprechpartner in der Familie zu haben“, sagt Pflegerin Annegret Francksen. Was hierzulande neu ist, ist in anderen Teilen der Welt schon Usus: Im Gegensatz zu Deutschland würden Angehörige in anderen Kulturen viel selbstverständlicher in die Pflege eingebunden, sagt Görres. Er begrüßt den Wandel, weist aber darauf hin, dass die nicht ausgebildeten Angehörigen auf keinen Fall als günstige Pflegekräfte eingespannt werden dürften. So stelle sich in Zukunft noch die Frage, welche Tätigkeiten auch haftungsrechtlich überhaupt zulässig seien.

Für Albert Kaspereit war die Chance, in der Nähe seiner Frau sein zu können, ein Glücksfall. „Wir sind seit 54 Jahren verheiratet. Ich konnte auch hier für sie da sein, wie ich es immer gewohnt war.“ dpa

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