47-Jähriger gibt zahlreiche Betrugstaten zu

Falsche Polizisten: „Abholer“ packt aus

+
Nahm die Beute entgegen: „Abholer“ Ingo R. (47, links) mit seinem Verteidiger Erich Joester.

Bremen - Von Steffen Koller. Lange Zeit will er keinen Verdacht geschöpft haben, doch die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Ingo R. ein wichtiger Mann gewesen ist, um das Ersparte von Senioren zu ergaunern. Am Mittwoch packte der 47-jährige „Abholer“ vor dem Bremer Landgericht aus. Er sitzt wie drei weitere Männer auf der Anklagebank und muss sich unter anderem wegen bandenmäßigen Betrugs verantworten.

„Das ist organisierte Kriminalität im großen Stil“, hatte Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) Ende September vergangenen Jahres gesagt, als den Ermittlungsbehörden ein großer Schlag gegen mutmaßliche Betrüger gelang, die mit der Masche „Falscher Polizist“ Millionen erbeutet haben sollen. Dieser Aussage mag man gut und gerne Glauben schenken, sollten es stimmen, was Ingo R. am Mittwoch vor Gericht preisgab. 

Der 47-jährige Deutsche hat nach eigenen Angaben als sogenannter „Abholer“ agiert, er war also dafür verantwortlich, Bargeld, Schmuck und andere Wertgegenstände bei ahnungslosen Senioren abzuholen und an die beiden ebenfalls angeklagten mutmaßlichen Drahtzieher abzuliefern. Jeweils 500 Euro habe er als „Lohn“ bekommen – doch das große Geld machten offenbar andere.

Er wolle sich einlassen, „damit das Ganze endlich ein Ende findet“, sagte Ingo R.. Und mit „das Ganze“ meinte er die zahlreichen Betrugstaten, die dem Mann zur Last gelegt werden. 2014 lernte R. den ebenfalls angeklagten Marco B. (29) kennen, für den er bald geklaute Autos verkaufen sollte. Rund zwei Jahre dauerten die krummen Geschäfte, dann wollten auch Hikmet K. (30) und Seref G. (25, beide Türken) die Dienste von Ingo R. in Anspruch nehmen – und sollen ihn angeheuert haben, Briefumschläge und Taschen bei Privatadressen abzuholen.

Anfangs, so R., habe er sich noch gewundert, was das mit der damaligen Speditionsfirma von Hikmet K. zu tun haben könnte. Doch einen wirklichen Verdacht, es könne sich um illegale Geschäfte handeln, will er nicht gehegt haben. „Da bin ich erst später hintergekommen.“ So kam es laut R. dazu, dass er am 16. April 2018 das erste Mal einen Umschlag in Goldenstedt bei Vechta abholte. Zuvor soll ihm Seref G. nur einen Straßennamen, Spritgeld und später auch mehrere Handys mitgegeben haben. 

Erst als sich R. in der jeweiligen Straße befand, habe er einen Anruf erhalten. Am anderen Ende eine unbekannte männliche Person, die ihm konkrete Anweisungen gab, wo sich der Umschlag befände und abzuholen sei. Nachdem der 47-Jährige den Umschlag mit 20  000 Euro an sich genommen hatte, will er diesen an Seref G. gegeben haben.

Dieser wiederum lieferte alles an Hikmet K., der für die Ermittler als Kopf der Bande gilt. Das Prinzip sei immer das gleiche gewesen, sieben Mal soll Ingo R. die Rolle des „Abholers“ übernommen haben. So auch einen Tag später, am 17. April, als ihm eine 91-jährige Hamburgerin einen Beutel mit Bargeld, Goldbarren und Krügerrand-Münzen übergab. Wert laut Anklage: etwa 475.000 Euro.

Wie die meist mehr als 70  Jahre alten Opfer dazu überredet wurden, all ihr Erspartes an Fremde auszuhändigen, darüber könne R. keine Angaben machen. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Hikmet K. als „Mediator“ Kontakt zu den Senioren aufbaute und sie durch ausgeklügelte Geschichten dazu brachte, all ihr Hab und Gut rauszurücken. Durch die Taten der Angeklagten sei ein Schaden von mehr als 2,35 Millionen Euro entstanden, so die Anklage. Allein Hikmet K. werden 32 Fälle zur Last gelegt.

Doch warum hörte Ingo R. nicht auf, nachdem sich sein Verdacht erhärtete? Als er sich für Wochen „totstellte“, also nicht erreichbar war, habe Hikmet K. Ingo R. zu sich ins Büro zitiert. „Er drohte mir: ,Ich breche Dir die Beine‘ “, so R. „Ich habe die Drohung ernstgenommen.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Meistgelesene Artikel

Rechtsextrem und gewalttätig: Bremen löst „Phalanx 18“ auf

Rechtsextrem und gewalttätig: Bremen löst „Phalanx 18“ auf

Wohninvest kauft Coca-Cola-Brache - doch Bremen setzt dem Werder-Sponsor klare Grenzen

Wohninvest kauft Coca-Cola-Brache - doch Bremen setzt dem Werder-Sponsor klare Grenzen

„Wichser“, „Arschloch“, „Nazis“: Gefängnisbesuch bei Miri endet mit Strafanzeige

„Wichser“, „Arschloch“, „Nazis“: Gefängnisbesuch bei Miri endet mit Strafanzeige

Betrunkener BMW-Fahrer rammt Mercedes und landet im Vorgarten

Betrunkener BMW-Fahrer rammt Mercedes und landet im Vorgarten

Kommentare