Falsch in der Welt

Verein „Autismus Bremen“ hilft mit multiprofessionellen Teams

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Silke Ehrenberg an einem „Linsenbad“: Hier können Berührungswahrnehmungen erlebt werden.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Das leise Hupen von der Straße draußen ist genauso präsent wie das Gegenüber, einen halben Meter entfernt. So kann man sich die Welt eines Autisten vorstellen. Damit zurechtzukommen, ist schwer und bedarf oft langer Therapien. 350 Autisten sind in Behandlung beim Verein „Autismus Bremen“.

Die Wartelisten sind voll, auch nach der Eröffnung eines sechsten Zentrums vor wenigen Wochen in Bremen-Mitte. Etwa ein Prozent der Bevölkerung sei von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen, sagt Pädagogin Silke Ehrenberg (42), Leiterin des neuen Autismus-Therapie-Zentrums Bremen-Mitte. „Bezieht man neuere Untersuchungen ein, kann man auch auf fünf bis sechs Prozent kommen. Das ist aber noch unklar.“

Die Akzeptanz und Bekanntheit der Erkrankung sei ausbaufähig. Früher habe die Annahme gegolten, Männer seien häufiger betroffen als Frauen. „Heute weiß man, Frauen sind weit häufiger betroffen als angenommen. Frauen haben von Natur aus eine höhere Anpassungsleistung, so Ehrenberg. Oft werde die Erkrankung erst im Erwachsenenalter erkannt.

Autismus ist eine neurologische Krankheit, eine tiefgreifende Entwicklungs- und Wahrnehmungsverarbeitungsstörung. „Wenn ich das autistische Gehirn mit dem nicht-autistischen vergleiche, sage ich immer, das sind zwei verschiedene Betriebssysteme“, sagt Ehrenberg. Autisten können durchaus intelligent sein. Sogenannte Asperger-Autisten haben mitunter einen großen Wortschatz. Ehrenberg spricht vom „Kleinen-Professor-Syndrom“.

Andere Menschen zu verstehen, fällt ihnen aber schwer. Sie können sich nicht in sie hineinversetzen. Sie nehmen alles wörtlich. „Den Sinn von Smalltalk verstehen sie nicht. Autisten erleben sich selbst als falsch in der Welt“, sagt Ehrenberg. Frühkindliche Autisten lernen oft gar nicht erst sprechen und nehmen andere kaum wahr.

Die Therapien macht ein multiprofessionelles Team. Am Anfang stehen Test und Beobachtung. „Wir schauen, was wird gekonnt und in welche Richtung kann gefördert werden“, sagt Ehrenberg. Bei frühkindlichem Autismus ist oft erstmal die Sprachanbahnung nötig, etwa mit Hilfe von Symbolen. Jede Therapiestunde hat einen festen Ablauf. Dafür werden Karten an eine Leiste gehängt. Darauf stehen die Aufgaben, etwa: Miteinander sprechen, Brettspiele, Einkaufen und Geld, Bälle-Bad. Das Bälle-Bad dient der Förderung der Wahrnehmung. Auch Rasierschaum ist dafür geeignet.

Sensorische Wahrnehmung ist ein heikles Thema für Autisten. „Oft sind schon feine, diffuse Berührungen nur schwer auszuhalten. Die kleinste Naht an der Socke schmerzt“, sagt Ehrenberg. Den Druck einer Umarmung sei für Autisten mitunter unerträglich.

Durch Übungen soll diese Übersensibilität herabgesetzt werden. Ehrenberg zeigt eine große Matte, wie man sie aus dem Sportunterricht kennt. Darin lassen sich Autisten einklappen. Das wirkt auf sie beruhigend, genauso, wie Beschwerungswesten zum Umhängen. Sie geben den Betroffenen das Gefühl, eingepackt zu sein.

Kinder müssen bei der Therapie oft besonders motiviert werden. „Als ein Junge am Tisch arbeiten sollte, sagte er mir: ,Du spinnst wohl, ich arbeite hier nicht‘ “, erzählt Ehrenberg. Sie ließ den Jungen schließlich arbeiten, ohne dass er es merkte. Er bearbeitete Aufgabenblätter zum Thema „Gefühle“. Die erfahrene Pädagogin nennt den Punkt einfach „am Tisch spielen“.

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