Das Viertel und die 80er aus der Taxi-Perspektive

In der Falle unterwegs

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Sex im Auto, Koks in der Nacht, tagsüber Schlafen im Keller – wovon hier die Rede ist? Na, vom Leben im Viertel natürlich, was haben Sie denn gedacht? Vom Leben im Viertel, in den Lokalen und Altbauten von Ostertor und Steintor, aus der Perspektive eines Taxifahrers. Vom Leben in einer Falle, in der „Taxifalle“. So heißt der Debütroman des Bremer Hörfunk- und Fernsehjournalisten Olaf Kretschmer (Kellner Verlag, Preis: 9,90 Euro).

Kretschmer, Jahrgang 1966, ist während seines Studiums einige Jahre Taxi gefahren. Da trifft man Menschen, die man sonst nicht trifft. Da sieht man Menschen in Zuständen, in denen andere Leute diese Menschen nicht sehen. Da entwickelt man einen ganz eigenen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner. Einen Blick, der nicht durchweg von purer Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe durchtränkt ist.

Der eine Fahrgast hält die Frequenz des Senders im Radio (klar: 101,2 Megahertz – Bremen Vier) für die Summe, die er zahlen muss. Andere halten es für angemessen, eine Sterbende im Taxi umherzukutschieren. Wieder andere bitten den Fahrer zunächst, ihnen beim Sex zuzusehen – und später soll er dann auch noch mitmachen.

Olaf Kretschmer, Autor und Journalist. - Foto: Kellner-Verlag

Kretschmers Ich-Erzähler fährt in den 80ern und 90ern durch die Nacht (und das Nachtleben) und erlebt Sachen, die man sich nicht ausdenken kann. Genau das macht auch den Reiz dieses Romans aus – noch die irrwitzigsten Dinge wirken hier zugleich authentisch. Für den ortskundigen Leser, sofern er sich an die 80er erinnern kann, kommt zudem das Vergnügen hinzu, Schauplätze und Szene-Figuren wiederzuerkennen.

All das ist oft lustig, sehr oft aber auch im Grunde traurig, wobei Kretschmers schnodderiger Ton und das (taximäßig) forsche Erzähltempo das Traurige nicht so durchschimmern lassen. In der Reflexion ist der Ich-Erzähler mit Selbsterkenntnis gesegnet – er schreibt, dass er sich „langsam, aber sicher“ zu „einem Schwein entwickelte“ in seiner „Taxifalle“.

Ohnehin ist das Taxi ja eine schöne Metapher – ständig unterwegs sein, nie irgendwo ankommen, um zu bleiben. Und eins ist mal sicher: Leser dieses Buchs werden nie wieder unbefangen in ein Taxi steigen. . .

Am Donnerstag, 22. September, liest Kretschmer aus seinem Roman – natürlich im Viertel: ab 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus an der Schildstraße 12–19 nämlich.

Rubriklistenbild: © dpa/Symbolbild

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