„Mein Kunst-Stück“ mit Dagmar Calais: „3 000 Schicksale“

Fahrtziel Ghetto

Das großformatige Acrylbild der Bremer Künstlerin Dagmar Calais wirkt sehr intensiv auf den Betrachter. - Foto: Langkowski

bremen - Von Ilka Langkowski. Das Bild, das Dagmar Calais in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt, ist Teil ihrer Rauminstallation „3 000 Schicksale“. Die Darstellung des abfahrenden Zuges bildet ihr zentrales Element. Zielort: Theresienstadt.

Das großformatige Acrylbild von Dagmar Calais zieht den Betrachter förmlich in den Bahnhofstunnel hinein. Die Gepäckstücke der ahnungslosen Zuggäste liegen noch auf dem benachbarten Bahnsteig. Ihnen wurde gesagt, sie bezögen eine Mustersiedlung für jüdische Senioren. Stattdessen erwartete sie in Theresienstadt ein überfülltes Durchgangslager zu den Vernichtungsstätten der Nazis.

Vergangenes Jahr konnte man Calais‘ komplette Installation in der Unteren Rathaushalle sehen. 240 Betonplatten mit den Namen der allein aus Bremen deportierten Opfer lagen vor dem Bild. Hinter dem Bahnsteigbild zeigte ein weiteres riesiges Triptychon die Wahrheit über das Reiseziel: Massenankunft in Theresienstadt, Menschen in einer überfüllten Ghetto-Dachkammer, Tod.

Ausgesucht hat Calais das Bild, weil es Teil ihres jüngsten Projekts „3 000 Schicksale“ ist. Auf das Thema sei sie über Projekte zur deutsch-deutschen Geschichte gekommen. Der Besuch in Bremens lettischer Partnerstadt Riga führte zur Zusammenarbeit mit dem dortigen „Ghetto- und Holocaustmuseum“.

Unter dem Titel „3 000 Schicksale“ stellte Calais ihr Werk in Bremen aus – und die Künstlerin Maria Makarova eine gleichnamige Installation in Riga. Dorthin brachte man 3 000 Juden aus Theresienstadt. Ebenfalls zu diesem Thema schuf Calais ihre Installation „Zwei Tage im Winter“. Denn am 30. November und 8. Dezember 1941 erschossen die Nationalsozialisten insgesamt 26 553 Menschen in einem Wald vor der Stadt. Die Installationen erlauben es dem Betrachter, sich in das Thema hineinzubegeben und darin zu bewegen. Den Holocaust zweidimensional darzustellen, sei eigentlich unmöglich, meint die Bremer Künstlerin.

Allein hingegen – ohne die historische Festlegung – wecke das Bahnhofsbild bei ihr ganz aktuelle Bilder und Gefühle, sagt die Bremerin. Sie assoziiere damit etwa die Bilder ankommender Flüchtlinge aus dem Fernsehen und stelle sich die Frage, wie viele Menschen gerade eine solche Situation erlebten. So möchte sie mit ihrer Kunst Themen weitergeben, Gefühle wecken, die Auseinandersetzung anregen. Das sei eine Aufgabe der Kunst. Zwischendurch malt Calais aber auch spontan. „Dann lasse ich den Pinsel einfach mal spazieren gehen, etwa bei Landschaften“, erzählt sie, „da kann ich mich emotional freipinseln.“ Am liebsten mag sie große Formate. Die schafften Dynamik und erforderten körperlichen Einsatz.

Kunst spielte in Calais‘ Leben schon immer eine Rolle. Sie wurde von ihren Eltern musikalisch gefördert, habe gemalt und sich am Ende auch für die Malerei entschieden: „Die Malerei hat mir die größte Freiheit gelassen.“ Die Herausforderung in der Kunst sei es, immer wieder neu anzufangen, auf die leere Leinwand den ersten Strich zu setzen. „Man darf da nicht warten, bis einen die Muse küsst“, sagt Calais und lacht. Der Konkurrenzkampf unter den Künstlern sei hart. Man suche nach seiner Nische und bringe seine Fähigkeiten oft ein, um noch nebenbei Geld zu verdienen. „Es gibt so viele gute Künstler und so wenig Möglichkeiten, ihre Arbeiten zu zeigen.“

Zu den Künstlern, die für Calais besonders bedeutend sind, zählen der deutsche Zeitgenosse Hans-Hendrik Grimmling – unter anderem wegen der Wucht seiner Bilder – sowie aktuell der britische Street-Art Künstler „Banksy“. Dessen witzig-politische und meist durch Schablone gesprühten Werke sind auf Wänden rund um den Globus zu finden. Wenn Calais jemandem ein Bild schicken sollte, dann ginge „3 000 Schicksale“ an die Gedenkstätte Theresienstadt.

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