Hohe Investitionen vs. Exzellenz

Diskussion über medizinisches Vollstudium in Bremen bewegt die Gemüter 

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Mit den Human- und Gesundheitswissenschaften an der Universität gibt es bereits einen medizinnahen Fachbereich in Bremen. In der Diskussion ist jetzt ein medizinisches Vollstudium – finanziell eine Herausforderung.

Bremen - Von Ilka Langkowski. Der Antrag der CDU-Fraktion, in Bremen eine medizinische Fakultät einzurichten (wir berichteten), beschäftigt weiter Wissenschaft, Ärzteschaft und Politik. Hohe Kosten bei einem Vollstudium und der Gewinn eines neuen Exzellenzschwerpunkts müssen gegeneinander abgewogen werden.

Die Ärztekammer Bremen steht der Einführung eines Medizinstudiums uneingeschränkt positiv gegenüber, betont Präsidentin Heidrun Gitter. „Wir selbst haben das Thema in die Zukunftsgespräche zum Quartier eingebracht.“ Derzeit bemühten sich viele Studienanwärter vergebens um die wenigen Medizin-Studienplätze.

Lange Wartesemester und die in Deutschland herrschenden Arbeitsbedingungen im medizinischen Bereich, vergrämten mittlerweile medizininteressierte Abiturienten. Dabei würden diese eigentlich dringend benötigt. „Man läuft in einen Mangel rein“, sagt Gitter.

Die CDU-Fraktion hat in ihrem Antrag an die Bremische Bürgerschaft eine Machbarkeitsstudie zur Einrichtung einer medizinischen Fakultät vorgeschlagen. Der Studiengang Medizin soll junge Mediziner nach Bremen und in die Region bringen. Die Bremer Universität könnte sich für eine neue Exzellenzstrategie aufstellen und bestehende Forschungseinrichtungen für Synergien und als Schnittstellen nutzen.

Das klinische Studium kann schon jetzt in Bremen gemacht werden

Bereits jetzt absolvieren Medizinstudenten anderer Universitätsstädte nach dem theoretischen Teil ihr klinisches Studium an Bremer Krankenhäusern. Die vorklinisch-theoretischen Kapazitäten seien oft höher als die klinischen, heißt es. Dann müssten Studenten, die nur einen Teilstudienplatz bekommen haben, ihre klinische Ausbildung an einem anderen Standort machen. Auch hier gebe es häufig lange Wartezeiten.

„Bremen als Oberzentrum verfügt über die klinischen und ambulanten Strukturen in hoher Qualität. Das ermögliche einen sofortigen Start“, sagt die Präsidentin der Ärztekammer bezüglich des klinischen Studienabschnitts.

In Anbetracht des drohenden Medizinermangels, langer Studienzeiten und anderer Städte, die bereits Fakultäten einrichten, hält man es auch im Bremer Gesundheits- und Wissenschaftsressort unter Eva Quante-Brandt (SPD) „für sinnvoll, durch Kooperation mit anderen Standorten“ schneller die ersten Absolventen in Bremen zu haben. Die Gebäude der früheren Augen- und Kinderklinik des Klinikums Mitte wären als Campus für das klinische Studium denkbar.

Ob es Hochschulpakt-Zuschüsse gäbe, ist strittig

Unstrittig ist, dass der Aufbau eines Vollstudiums eine Herausforderung wäre, die viel Zeit und hohe Investitionen benötigt. Hier verweist die Pressesprecherin der Gesundheitssenatorin, Christina Selzer, auf die Stadt Augsburg. Dort starte die Universitätsmedizin mit 73 Millionen Euro pro Jahr. Man rechne dort mit 100 Millionen Euro jährlichen Kosten beim Vollausbau sowie 250 Millionen Investitionskosten.

Über eventuelle Zuschüsse durch den Hochschulpakt werde noch verhandelt, so Selzer. Diese würden jedoch nur einen Bruchteil der teuren Studienplätze decken. Einer enormen Anstrengung bedürfe auch die Anwerbung der Fach- und Lehrkräfte, blickt die Ressortsprecherin kritisch nach vorn.

Ärztekammer-Präsidentin Gitter verweist auf die Chancen, die sich durch die aktuelle politische Diskussion auf Bundesebene über Ärztemangel und Pflege ergeben. Neue Strukturen förderten neue akademisierte Gesundheitsberufe, wie sie in Bremen bereits durch die Gesundheits- und Pflegewissenschaften angebotenen würden. Schnittstellen mit anderen wissenschaftlichen Bereichen ließen sich nutzen, ebenso Kooperationen mit regionalen Partnern.

Heidrun Gitter hält es für möglich, ein klinisches Studium in Bremen innerhalb von drei Jahren einzurichten. Parallel könne ein vorklinisches Studium aufgebaut werden, was bedeutend länger brauche.

Vertreter aus Medizin und Wissenschaft sowie die CDU bevorzugen ein solches Vollstudium, um im nationalen und internationalen Wettbewerb um Personal, Forschungsgelder und Studenten mithalten zu können. Gleichzeitig binde es junge Mediziner stärker an die Region. „Die Abstimmung in der Bürgerschaft ist im August oder September zu erwarten“, sagt CDU-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Hoffmann. Für die nächste Bewerbungsrunde der Exzellenzstrategie der Hochschulen 2024/25 wird es wohl zu knapp.

Anknüpfungspunkte

An der Uni Bremen existiert bereits der Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften. Das Centrum für Medizinische Diagnosesysteme und Visualisierung GmbH (Mevis) und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) sind nur zwei Beispiele für bestehende Forschungseinrichtungen mit medizinischem Schwerpunkt. An der Hochschule Bremerhaven gibt es den Studiengang Medizintechnik. Und die Jacobs-Universität in Grohn bietet bereits ein medizinisches Vorbereitungsjahr an.

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