Jazz-Produktionen

„Studio Nord“ in Oberneuland: Internationale Musiker schätzen die analoge Aufnahmetechnik

Der frühere Tanzsaal ist das Herz des Studios – hier gibt es Akustik und Atmosphäre. „Wir arbeiten sehr viel mit dem Raum“, sagt Gregor Hennig vom „Studio Nord“. - Foto: Kuzaj
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Der frühere Tanzsaal ist das Herz des Studios – hier gibt es Akustik und Atmosphäre. „Wir arbeiten sehr viel mit dem Raum“, sagt Gregor Hennig vom „Studio Nord“.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Früher war alles besser? Nein, sicher nicht alles. Manches aber schon. Wer in der Musik etwa einen bestimmten Klang sucht, landet oft bei analoger Technik und Ausrüstung. Studios, die so etwas noch bieten, sind gesucht. Eines davon steht in Bremen. Internationale Künstler nehmen im Oberneulander „Studio Nord“ ihre Alben auf – in einem alten Tanzsaal mit exzellenter Akustik.

Die Geschichte des Hauses an der Mühlenfeldstraße 23 beginnt anno 1910, als die Plattenindustrie noch lange nicht erfunden war. Musik aber wurde hier schon gemacht – hier im „Haus Niedersachsen“. „Das war ein Lokal mit Tanzsaal“, sagt Gregor Hennig. Der Tontechniker und Musikproduzent ist einer der „Studio-Nord“-Betreiber. Am Abend wurde getanzt, tagsüber nutzte die Oberneulander Schule den Saal als Turnhalle.

In den 60er Jahren kam Wolfgang Roloff (1930 bis 2011) ins Spiel. Der Bremer war Schlagersänger, Komponist und Produzent. Unter dem Künstlernamen „Ronny“ feierte er mit Hits wie „Oh My Darling Caroline“ und „Lass die Sonne wieder scheinen“ Erfolge. Roloff war in den 60ern einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Er ließ das Tanzlokal zu einem Tonstudio umbauen.

Gregor Hennig mit Andrea Rösler vom Jazz-Label „Dot Time Records“. - Foto: Kuzaj

Terrazzoboden, Küchenkacheln, Parkett und Holzverkleidung – Spuren von 1910 finden sich in dem Haus heute ebenso wie Spuren aus den 60ern und 70ern. Schallsegel und Mikrofone hängen im 120 Quadratmeter großen früheren Tanzsaal von der Decke. Es wirkt ein bisschen so, als seien Sänger und Orchester nur mal eben rausgegangen. Roloffs Ziel war es gewesen, Unterhaltungsorchester in bestmöglicher Qualität aufzunehmen. Und so machte er bei Klang und Ausstattung keine Kompromisse. „Er hat seine Aufnahmen selber produziert, das war damals sehr ungewöhnlich“, sagt Hennig. „Er hat sogar den Vinylschnitt hier im Haus gemacht, weil er Perfektionist war. Er war ein gemütlicher Mensch, aber er wollte auch, dass alles gut war.“

Und so kam es, dass – beispielsweise – Heintje seine deutschen Aufnahmen in Oberneuland produzieren ließ. Und: „Rudi Carrell hat seine Musikbeiträge hier aufgenommen“, so Hennig weiter. Der Showmaster musste das bei Radio Bremen extra durchsetzen. Mit dem Sendesaal verfügte die Anstalt ja auch über ein Studio mit exzellenter Akustik. Aber: „Er hat sich hier wohlgefühlt.“

Die Tonbänder kommen aus Frankreich

Der Saal, sagt Hennig, ist „herausragend, was den Tonstudiobereich angeht“. Er sei „gemacht für Ensembles und Jazz“. Und: „Die Mikrofone kommen aus der Zeit, aus der diese Musik kommt. Die Aufnahmen klingen so, wie man es gewohnt ist.“ Natürlich wird hier noch auf Tonband aufgenommen. „Die alten BASF-Maschinen stehen heute in einer Fabrik in Frankreich.“ Versorgung gesichert.

Roloff hatte sich in den 80er Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen, komponierte allerdings noch und war praktisch bis 2011 im Studio. Später übernahm der Tontechniker und Produzent Oliver Sroweleit, 2013 stieg Gregor Hennig mit ein; Produzent Pascal El Sauaf komplettiert das Team. „Wir betreiben das Studio als Pächter“, sagt Hennig. „Es gehört der Familie, die möchte, dass Roloffs Erbe weitergeführt wird.“ Etliche zeitgenössische Künstler wissen die Qualitäten des Hauses zu schätzen. Unter anderem haben hier Stoppok, „Die Sterne“, „Jupiter Jones“, Heinz Rudolf Kunze und die „Liga der gewöhnlichen Gentlemen“ aufgenommen.

Kabel und Interieur. - Foto: Kuzaj

Regelmäßig nimmt auch das Jazz-Label „Dot Time Records“ (New York, Europazentrale: Bremen) hier Platten seiner Künstler auf – ein Kontakt, der sich durch die Messe „Jazzahead“ ergeben hat. Eine Reihe dieser Aufnahmen entsteht live vor Publikum. „Der Fokus liegt auf dem intimen und direkten Sound“, sagt Andrea Rösler von „Dot Time Records“. „Alles klingt so, wie es aus dem Instrument kommt.“ Gepresst werden die Vinylplatten bei Pallas in Diepholz. Da fiebere man bei der Aufnahme mit, denn hinterher werde nichts nachbearbeitet. Hennig: „Es ist die Fokussierung auf den Moment, in dem aufgenommen wird. Die Gleichzeitigkeit von Dingen ist eine wichtige Sache.“ Für die „Jazzahead“ 2019 plant „Dot Time Records“ eine „Club Night“ im „Studio Nord“.

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