Umstrittene Verkehrspolitik

Experimente in der Bremer City: Wall jetzt Einbahnstraße

Eine gelb markierte Fahrradroute auf der ehemaligen Autospur vom Polizeihaus zur Kreuzung Herdentor – die neue Wall-Verkehrsführung. Links daneben der bisher schon vorhandene Radweg. Autos dürfen nur noch vom Herdentor in Richtung Altenwall fahren.
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Eine gelb markierte Fahrradroute auf der ehemaligen Autospur vom Polizeihaus zur Kreuzung Herdentor – die neue Wall-Verkehrsführung. Links daneben der bisher schon vorhandene Radweg. Autos dürfen nur noch vom Herdentor in Richtung Altenwall fahren.

Überraschung in der Bremer Innenstadt: Der Wall ist zur Einbahnstraße geworden – viel früher als eigentlich vorgesehen. Für Autofahrer bedeutet das weitere Einschränkungen.

Bremen – Radfahrer hingegen haben jetzt mehr Platz. Denn der Wall – eigentlich bislang auch schon mit einem recht komfortablen und nicht gerade übermäßig frequentierten Radweg gesegnet – bekommt nun einen geschützten Radfahrstreifen („Protected Bike Lane“) dazu. Damit hat der Wall jetzt zwei nebeneinanderliegende Fahrradwege.

Die Einrichtung der „Bike Lane“ war ursprünglich für Frühjahr 2022 geplant, sie ist nach Auskunft des Amts für Straßen und Verkehr (ASV) aber nun vorgezogen worden. „Um die Verkehrsversuche in der Martinistraße unter realen Bedingungen durchführen und damit belastbare Daten erheben zu können“, so die Begründung dafür. Die Verkehrsexperimente und teils albernen Dekorationen in der Martinistraße und der Verkehrsfluss am Wall werden im Zusammenhang gesehen. Das Verkehrsressort erhofft sich belastbare Daten für die weitere Planung.

Wall in der Bremer City: Jetzt Einbahnstraße auf 700 Metern

Auf den etwa 700 Metern zwischen Herdentor und Ostertorstraße ist der Wall nun Einbahnstraße, Autos dürfen nur noch in Richtung Altenwall fahren. Der am Wochenende gelb markierte geschützte Fahrradstreifen wird bei laufendem Verkehr noch mit weiteren Absperrungen aufgerüstet.

Unterdessen gehen die Verkehrsversuche in der Martinistraße weiter. Ab Montag, 13. September, beginnt dort die Phase der Teil-Einbahnstraße; ab dem 22. November wird die Martinistraße dann „erneut vollständig zweispurig befahrbar sein“, so die Verkehrsmanagementzentrale im ASV. „Vollständig“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es bei nur einer Fahrspur pro Richtung bleibt.

Ein Teil der Martinistraße wird ab 13. September versuchsweise zur Einbahnstraße.

Zunächst einmal aber wird die insgesamt 800 Meter lange Martinistraße zur Teil-Einbahnstraße. Auf dem Stück zwischen Parkhaus und Brill-Kreuzung dürfen Autos dann nur in Richtung Brill fahren (also aus der Innenstadt raus). Vom Brill aus in die Martinistraße hinein darf der MIV (Planer-Kürzel für „motorisierter Individualverkehr“) in dieser Phase des Verkehrsversuchs nicht.

Einbahn-Phase auch in der Bremer Martinistraße

Für die Einbahn-Phase wird der „Erlebnisraum Martinistraße“ erneut umgestaltet, heißt es bei der Agentur „Sternkultur“. „Zwei neue Türme werden den Straßenraum optisch bereichern“, so die Mitteilung. Neben dem „Turm der Bewegung“ entsteht in Höhe des Atlantic Grand Hotels ein „Turm Kunst“. Zudem bekommt die Martinistraße ein temporäres Café, betrieben vom „Noon“ aus dem Theaterfoyer.

In einer „Mobilitätswoche“, die vom 16. bis zum 22. September dauert, sind weitere Aktionen geplant. Die Woche soll als „positives Beispiel einer menschengerechten Stadt- und Verkehrsplanung dienen“, heißt es in einem Ton, der klingt, als wären zu experimentfreien Zeiten etliche Unmenschen auf den Innenstadt-Straßen unterwegs.

Für die Zeit vom 16. bis zum 19. September ist unter anderem geplant, den Tiefer-Tunnel – für viele Autofahrer aus dem Umland ein Einfallstor in die Bremer Innenstadt – umzunutzen: In Kooperation mit dem Sportgarten und einem „Zentrum für Kollektivkultur“ ist dort ein Projekt mit dem Namen „Tiefer-Tunnel-Adventure“ geplant.

Bleibt die Frage, ob all diese Aktionen und Spielereien tatsächlich dazu beitragen, der Martinistraße die Wirkung als trennende Schneise zwischen City-Kern und Schlachte/Weser zu nehmen. Selbst an Ferientagen und bei passablem Wetter war oft nicht zu erkennen, dass auf den Brettertürmen des „Erlebnisraums“ plötzlich urbanes Leben pulsiert. Oft herrschte gähnende Leere. Womöglich würde eine Verlegung der Straßenbahn (mit den hochfrequentierten Linien 2 und 3) aus der Obern- in die Martinistraße automatisch viel mehr Publikum in diese Straße bringen als all die Versuche und Turmbauten, für die Bremen 1,3 Millionen Euro an Steuergeldern ausgibt.

Kommentar zum Thema:

Schaefers Einbahnstraße

Von Thomas Kuzaj

Der Wall als Einbahnstraße, das hat Symbolcharakter für die Verkehrspolitik in der gesamten Bremer Innenstadt. Es geht tatsächlich nur noch in eine Richtung – in die Richtung, die das Verkehrsressort von Senatorin Maike Schaefer (Grüne) vorgibt.

Mit dem überraschenden und kurzfristig angekündigten Vorziehen der Maßnahmen am Wall wurden die Einzelhändler dort überrumpelt. Die Geschäftsleute haben ohnehin zu kämpfen, viele Kunden kommen nicht mehr. Sie wandern ab nach Oldenburg, nach Posthausen und – wenn‘s etwas exklusiver sein soll – nach Hamburg. Und natürlich zum Weserpark am Bremer Kreuz. Die Umland-Kennzeichen der Autos auf den Parkflächen dort sprechen Bände.

Es kann und möchte eben nicht jeder mit Bus und Bahn zum Einkaufsbummel anreisen oder mit dem Rad fahren. Das Signal, das Bremen vielen Menschen mit seiner Verkehrspolitik sendet, ist eindeutig: Wir wollen Euch hier nicht haben. Eine auf diese Weise erzwungene „Verkehrswende“ aber wird nicht funktionieren. Bürger wollen Wahlmöglichkeiten haben und keine Politik, die als Gängelung empfunden wird.

Schaefers Ressort aber agiert, als hätten die Grünen den kräftigen Rückenwind einer absoluten Mehrheit. Die Senatorin macht geradezu kompromisslos Politik für eine grüne Szene, die sich in der Martinistraße auf Kosten der Steuerzahler auch noch selbst feiern darf. Die Koalitionspartner lassen Schaefer machen, einzig bei der von ihr favorisierten Zusammenlegung der Domsheide-Haltestellen vor dem Konzerthaus Glocke gab‘s Gemurre von SPD-Fraktionschef Mustafa Güngör und Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke).

Und die Opposition? Die schweigt viel zu oft zu Schaefers Vorgehen. So bleibt Bremens Verkehrspolitik eine Einbahnstraße.

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