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Regionalwert in Bremen will Essen neu denken

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Von: Steffen Koller

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Kraftakt Bio-Hof: Auf dem Areal von Landwirt Harje Kaemena stehen 75 Kühe auf 75 Hektar Land. Im Winter geht es für die Tiere in offene Ställe, was erstmal finanziert werden muss.
Kraftakt Bio-Hof: Auf dem Areal von Landwirt Harje Kaemena stehen 75 Kühe auf 75 Hektar Land. Im Winter geht es für die Tiere in offene Ställe, was erstmal finanziert werden muss. © Koller

Esser ganz neu denken und die ökologische Wertschöpfungskette umkrempeln, das will die Bürgeraktiengesellschaft Regionalwert auch in Bremen.

Bremen – Der Wille ist da, die Kundschaft auch, doch finanziell tragbar ist nachhaltige Landwirtschaft bislang nur selten. Dabei setzen immer mehr Verbraucher auf so produzierte Lebensmittel aus der näheren Umgebung. Doch: Bäuerliche Betriebe leiden häufig unter den Marktgesetzen, kommen kaum an gegen die Dumpingpreise im Supermarkt. Das will die Regionalwert AG ändern. Die Aktiengesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Versorgung mit Lebensmitteln grundlegend zu verändern – finanziert von Menschen aus der Region.

Harje Kaemena ist schon lange im Geschäft. Und er kennt die Tücken des Business. In dritter Generation betreibt er zusammen mit zehn festen Mitarbeitern einen Hof samt Eisdiele im Blockland. Seit 2005 als Bio-Landbetrieb klassifiziert, stehen dort auf etwa 75 Hektar Land 75 Kühe. Muttergebundene Kälberaufzucht, so lautet das Konzept von Kaemena, das es ermöglicht, einen festen Bestand an Tieren zu züchten, ohne neue hinzuzukaufen. Idylle, umgeben von grünen Wiesen, im Sommer beliebtes Ausflugsziel für Groß und Klein.

Bremen: Auch ein Biohof muss wirtschaftlich sein

Trotz aller Romantik muss auch ein Biohof wirtschaftlich sein. Wer nicht rentabel ist, geht unter. Und manchmal geht das ganz schnell. Das weiß auch Harje Kaemena aus eigener Erfahrung. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie fehlen viele Kunden im Café, Investitionen für Arbeiten oder neues Gerät sind nur schwer zu stemmen. Banken würden häufig nur bestimmte Kreditrahmen gewähren – und dann fehlen schnell mal 50 000 Euro. An dieser Stelle, so jedenfalls die Vorstellung, kommt die Regionalwert AG ins Spiel – und vor allem: der Bürger selbst.

Bio-Landwirt Harje Kaemena mit seinem über Bremens Grenzen hinaus bekannten Eis.
Bio-Landwirt Harje Kaemena mit seinem über Bremens Grenzen hinaus bekannten Eis. © Kuzaj

Die Idee ist folgende: Anders als bei konventionellen Aktiengesellschaften verstehe sich eine Regionalwert AG als Bürgeraktiengesellschaft. Bürger kaufen Aktien zum Stückpreis von 500 Euro und werden so Teil des Unternehmens und – anders als beim klassischen Aktienmarkt – mit Namen und Adresse im Aktienbuch eingetragen. Die Aktien, und auch das ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal, werden nicht an der Börse gehandelt, was Spekulationen vorbeugen soll. Jedes Unternehmen, so sehen es die Statuten vor, verpflichtet sich, gewisse Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten und damit einen ökologischen Mehrwert zu erzeugen. Der Bürger finanziert diese Vorhaben mit. Dabei sollen nicht nur Erzeuger wie Kaemena davon profitieren, auch Zwischenhändler, wie Großmärkte und ortsansässige Bio-Restaurants.

„Regionale Idee vorantreiben“

Nach einiger Zeit können sich Aktieneigener ihre jeweilige Dividende auszahlen lassen, erklärt Susanne Suhlrie. Die Unternehmensentwicklerin ist Vorstandsvorsitzende der AG und gehört zum Team, das sich Ende 2020 dazu entschlossen hat, auch in Bremen eine solche Aktiengesellschaft auf den Weg zu bringen. Anfänglich mit fünf Mitgliedern gestartet, gehören mittlerweile zehn Menschen zur Regionalwert-Gemeinschaft. Sie kommen alle aus ganz unterschiedlichen Bereichen, sind Landwirte, Restaurantbetreiber, Tierärzte oder Juristen. Doch sie alle eine, so Suhlrie, „die regionale Idee voranzutreiben“. Auch deshalb wurden bislang keine Dividenden ausgezahlt. Denn alle Aktienbesitzer hätten sich dazu entschieden, das Geld wieder in die jeweiligen Firmen zu reinvestieren.

Bei Gründung der Regionalwert AG Bremen/Weser-Ems Ende 2021 kamen 415.000 Euro zusammen. Für Suhlrie eine „irre Summe“, die durch 42 Gründungsmitglieder geleistet wurde, von denen jeder zehn Aktien im Gesamtwert von 5 000 Euro zeichnen musste.

Unter ihnen ist auch Marie König, Betriebsleiterin des Naturkost-Kontors, einem Bio-Großmarkt in der Überseestadt. König gehört zu den Gründungsaktionären und erhofft sich durch die AG, die „Wertschöpfung in der Region zu behalten“. Jede Initiative, die so etwas schaffe, gelte es zu unterstützen. Nur eine Voraussetzung musste für sie erfüllt sein: „Ohne Bio wären wir nicht mit an Bord. Bio ist für uns der einzig gangbare Weg.“ Ihr gehe es um Klima- und Artenschutz. Und dafür sei es eben auch wichtig, Verbrauchern aufzuzeigen, wo Lebensmittel herkommen.

Sie, genau wie Harje Kaemena, wisse, wie schwer es sei, einen Bio-Betrieb zu führen, sich stets aufs Neue mit bürokratischen Hürden und hohen Kosten auseinanderzusetzen. Und häufig fehle helfender Rat. Die AG könne auch hier unterstützen, erhoffen sich beide. Netzwerke bilden, sich mit Gleichgesinnten austauschen, Aufklärungsarbeit leisten – für all das könne die Gemeinschaft eine Plattform schaffen. Auch wenn die AG „nicht die Antwort auf alle Fragen“ sei, so Suhlrie, so könne wenigstens „der Bürger ganz aktiv und in seiner Region mitgestalten“.

2006 gründete Gärtnermeister und Bio-Landwirt Christian Hiß im Raum Freiburg die erste Regionalwert AG in Deutschland. In den vergangenen 16 Jahren kamen nach und nach weitere hinzu. Heute gibt es insgesamt neun Gemeinschaften, die sich über beinahe das gesamte Bundesgebiet erstrecken. Nach eigenen Angaben erzielten die acht AGs (ausgenommen Bremen) in den vergangenen Jahren durch etwa 3 900 Aktionäre rund 13 Millionen Euro Grundkapital, 27 Beschäftigte sind bei den AGs angestellt. Rund 150 Partnerbetriebe mit einem geschätzten Umsatz von 300 Millionen Euro sowie etwa 1 800 Mitarbeitern profitieren heute vom Modell.
Kontakt: Homepage: regionalwert-bremen.de, Telefon: 0171/69 99 958, E-Mail: suhlrie@regionalwert-bremen.de.

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