Auf verwunschenen Wegen

Erzählerin Gudrun Rathke wandert auf Deutscher Märchenstraße bis nach Bremen

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Gudrun Rathke ist angekommen – mit Stadtmusikanten bei den Stadtmusikanten von Gerhard Marcks.

Die kleine Handspindel ist immer dabei, wenn sich Gudrun Rathke auf den Weg macht. Vorsichtig dreht die Erzählerin den hölzernen Schaft, zieht einen feinen roten Faden aus dem Vlies – und spinnt dabei Märchen. Zu Ehren der Bremer Stadtmusikanten, deren Geschichte vor 200 Jahren erstmals in gedruckter Form von den Brüdern Grimm veröffentlicht wurde, ist sie entlang der Deutschen Märchenstraße unterwegs, 140 Kilometer von Bad Oeynhausen bis nach Bremen. Auf Schusters Rappen und stets bereit, ein Märchen zu erzählen – am Wegesrand, in Kitas, Schulen, Kneipen und Bibliotheken, so auch in Bremen.

Bremen - Von Dieter Sell. Auf ihren Schultern trägt sie eine Weidenkiepe mit allem, was sie tagsüber so braucht. „Die sorgt überall für freundliche Gesichter“, sagt die 54-jährige Erzählerin aus Hessen, die mal mit lauten und mit leisen Tönen, zuweilen mit großer, dann mit sparsamer Geste junge und alte Zuhörer für sich gewinnt. Auf ihrer Tour über Wiedensahl, Nienburg, Hoya und Verden bis nach Bremen geht es manchmal über verwunschene Pfade, die sich durch einsame Wälder schlängeln, manchmal auf festen Wegen schnurstracks geradeaus.

Wer ihr dabei begegnet und es gerne möchte, bekommt ein Märchen erzählt. So wie eine Familie, die mit ihren Rädern auf Tour ist. Und immer wieder geht es in ihren Geschichten um Protagonisten, die wie die Stadtmusikanten unterwegs sind. „Aber ich erzähle nicht nur, mir wird auch viel erzählt“, hat die Frau erfahren, die im österreichischen Kärnten aufgewachsen ist und später Germanistik und Skandinavistik in Wien und Göttingen studiert hat. Erzählen ist Zuwendung, sagt Rathke. Eine Zuwendung, die gelegentlich bei ihren Zuhörern die Zunge löst. So hört sie selbst von Lebensgeschichten, „mal lustig, mal traurig“.

Ihr Publikum wartet unterdessen gespannt auf das, was kommt. Die Jüngeren machen es sich auf großen Kissen bequem. Die Älteren hören mit einem Lächeln zu. Nach kurzer Zeit sind alle mucksmäuschenstill, tief eingetaucht in die Märchen, die zu hören sind. Zwischendurch macht Rathke eine Pause. „Sind die Ohren schon ganz satt?“, fragt sie in die Runde. Ein lautes „Nein“ schallt ihr entgegen. „Na, gut, dann streckt Euch mal, hüpft ein wenig, dann rutschen die Geschichten besser“, rät sie ihren Zuhörern. Und alle hüpfen, lockern Arme und Beine, um Sekunden später wieder zur Ruhe zu kommen – für das nächste Märchen.

„Ich erzähle gerne Geschichten, die Mut machen, die gut ausgehen, die Beziehungen stärken“, sagt Rathke. Deshalb ist ihr auch das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten ans Herz gewachsen, von Esel, Hund, Katze und Hahn, die auf der Flucht eine neue Perspektive gewinnen, immer unter dem berühmten Motto „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“. „Losziehen und aus dem was machen, was man kann, sich nicht verschrecken lassen und gut mit dem Alter umgehen – das sind Geschichten, die hochaktuell sind“, sagt Rathke.

Übrigens: Anders als die Stadtmusikanten, die nie in Bremen angekommen sind, weil sie im Räuberhaus geblieben sind, hat Rathke die Hansestadt tatsächlich erreicht. Und dort die 1953 aufgestellte Bronzeskulptur des Bildhauers Gerhard Marcks von den Stadtmusikanten neben dem historischen Rathaus besucht, mit ihrer Kiepe voller Geschichten.  epd

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