„Der Erste seiner Art“ 

„Mein Kunst-Stück“ mit Ilka Rautenstrauch und ihrer Holzfigur „Junge mit Hocker“

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„Junge mit Hocker“ heißt die Holzfigur, die die Künstlerin Ilka Rautenstrauch aus hellem Pappelholz geschnitzt und anschließend raffiniert bemalt hat. Der vierbeinige Kollege auf dem Foto heißt „Sammy“.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Junge mit Hocker“ heißt Ilka Rautenstrauchs Holzfigur, die sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Aus hellem Pappelholz und raffiniert bemalt, wirkt die Skulptur etwas verfremdet und dennoch sehr natürlich. Ilka Rautenstrauch wollte eine sitzende Figur schaffen und heraus kam der „Junge mit Hocker“.

„Er ist der Erste seiner Art“, sagt die Bremer Bildhauerin. Die Körperhaltung mit Zwischenräumen und den unter den Hocker gestellten Füßen ist technisch anspruchsvoll. „Wenn ich dabei zu viel Holz wegsäge, ist es unwiderruflich weg“, sagt die Bildhauerin. Den „Jungen mit Hocker“ stellt Rautenstrauch vor, weil er ihrer Idee von einer Skulptur am nächsten kommt. Inspiriert durch die Madonnenfiguren und Kirchenbildhauerei, habe sie ihre eigene Handschrift entwickelt. „Madonnenfiguren haben einen Kern aus Holz, werden mit Schichten aus Gips und Leim versehen und anschließend lackiert“, sagt Rautenstrauch.

Ihre Holzfigur trägt eine Gips-Leim-Schicht und ist bemalt – allerdings so raffiniert, dass das leichte, helle Pappelholz zwar verfremdet wirkt, aber dennoch natürlich. „Die Farbschichten aufzutragen, nachzuschleifen und das immer wieder und wieder, ist sehr spannend, allerdings auch sehr arbeitsintensiv“, sagt die Künstlerin. So erhalten die Hautpartien eine zarte, fast transparente Oberfläche. Die lebendig wirkenden Augen sind aufgemalt.

Herausforderung liegt in den Tiefen

Holz ist Rautenstrauchs liebstes Material. Das bearbeitete sie schon als Kind. „Alle anderen Materialien interessieren mich einfach nicht“, erzählt die 1968 in Braunschweig geborene Künstlerin. Mit zwölf Jahren bekam sie ihr erstes Holzbildhauerwerkzeug. Sie schnitzte Tiere und Teile für die Puppenstube. „Künstlerisch arbeiten wollte ich schon immer“, erzählt die Wahl-Bremerin. Zwar studierte sie erst Innenarchitektur und anschließend Kunstpädagogik. Doch dann kam der Punkt, wo sie zu sich selbst sagte: „Du mogelst Dich durch, weil Du meinst, etwas Vernünftiges machen zu müssen. Dabei willst Du das gar nicht.“ Damit fiel die Entscheidung, voll auf die Kunst zu setzen. Das Atelier der Bildhauerin liegt am Güterbahnhof. Nach der täglichen Büroarbeit fährt Rautenstrauch in ihr Atelier.

Die Herausforderungen des Künstlerlebens sieht die Bildhauerin darin, dass man lernen müsse, mit Tiefen umzugehen. „Die kommen beispielsweise nach dem Studium, wenn man eine ganz eigene, individuelle Arbeit entwickeln muss.“ Man müsse mit Absagen leben und damit, dass man nicht bei jedem Wettbewerb einen Preis gewinne. Schwer sei es auch zu akpetieren, wenn andere im gleichen Moment mehr Erfolg haben. „Man braucht einen langen Atem“, sagt Rautenstrauch.

Faszinieren und Leben bereichern

Ob wir Kunst brauchen? „Anscheinend ja, sonst würden die Leute das nicht kaufen. Es geht um Dinge, die nicht den geringsten praktischen Nutzen haben, aber Menschen dennoch faszinieren und das Leben bereichern. Mich selbst interessiert es, Formen und Farben zu erforschen.“

Zu den Künstlern, die für Rautenstrauch bedeutend sind, zählen der zeitgenössische japanische Bildhauer Katsura Funakoshi, der ebenfalls mit Holz arbeitet, und deutsche Maler Hans Holbein der Jüngere (1497 oder 1498 bis 1543). An Funakoshi fasziniert Rautenstrauch, wie er seine Figuren verfremdet. Holbein bewundert die Bildhauerin für seine Madonnenbilder und die klassische Malerei mit Eitempera.

Wenn Rautenstrauch jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann ginge eine Holzfigur ans Bremer Gerhard-Marcks-Haus mit der Frage „Wo sind die Bildhauerinnen?“. Die Künstlerin jedenfalls sagt: „Im Haupthaus werden fast ausschließlich Arbeiten männlicher Bildhauer gezeigt. Frauen sind also mehr als unterrepräsentiert. Das kann man ändern.“

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