Willi Lemke will keine anderen Götter haben / Skurriles rund ums Leder

Ersatzreligion Fußball

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Skurril: Urnen in Vereinsfarben. ·

Bremen - Für den UN-Sportbeauftragten Willi Lemke taugt der Fußball nicht als Ersatzreligion. „Wo ist die Sinnhaftigkeit?“, fragte der ehemalige Fußball-Manager am Dienstagabend bei der Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel „Im Fußballhimmel und auf Erden“ in Bremen. Im Profifußball zähle doch vor allem das Geld, sagte Lemke und ergänzte: „Ich will keine anderen Götter haben, auch keinen Fußballgott.“

Die Ausstellung im evangelischen Informationszentrum „Kapitel 8“ (Domsheide 8) zeigt begleitend zur bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft (EM) bis zum 7. Juli Ähnlichkeiten zwischen Fußball und Religion. Die Palette der Ausstellungsstücke reicht von Fußballer-Ikonen mit Heiligenschein des FC St. Pauli über Christbaumkugeln in Vereinsfarben bis zur Borussia-Dortmund-Urne in Fußball-Form und HSV-Urne in Blau-Weiß. Eine Vitrine mit Erinnerungsstücken an das „Wunder von Bern“, an den deutschen WM-Sieg gegen Ungarn 1954, lässt den Besucher an einen Reliquien-Schrein denken. Fans und Vereine bewahrten signierte Trikots und Schuhe wie heilige Gegenstände auf.

Ihn ärgere es, wenn für den Sieg gebetet werde, sagte der bekennende Christ Lemke. „Mir ist das zu überzogen“, kritisierte der Sozialdemokrat und ehemalige Bremer Innen- und Sportsenator. Lemke verurteilte stundenlange Pfeifkonzerte. „Alles ist zu sehr vom Erfolg abhängig.“

Dabei eigneten sich Fußball und Fußballer als Vorbilder wunderbar, um Brücken zu bauen, betonte Lemke, der seit vier Jahren Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung ist. „Sport ist ein Mittel der Verständigung.“

Die Ausstellungsstücke, die in Bremen gezeigt werden, stammen aus den Beständen des katholischen Diözesanmuseums Osnabrück. „Wir wollen Skurrilitäten vorführen, aber auch reale Schnittmengen zwischen Fußball und Religion zeigen“, erläuterte sein Direktor Hermann Queckenstedt. Der Fußball habe in den vergangenen Jahrzehnten der Kirche die Rolle als Lebensmittelpunkt streitig gemacht. Früher habe der Kirchgang die Woche gegliedert, heute lebten die Fans dem nächsten Spieltag entgegen. Jeder Dorfverein habe seinen Fußballgott.

Jenseits dieses Fan-Alltags gebe es jedoch auch seriöse Begegnungen von Fußball und Religion, ergänzte Queckenstedt, der bekennender Anhänger des VfL Osnabrück ist. Die Bundesliga-Clubs Schalke 04 und Eintracht Frankfurt hätten eigene Stadionkapellen eingerichtet. Vereine und Spieler engagierten sich immer häufiger für soziale Projekte. Vielen Spielern sei es wichtig, auf dem Platz offen ihren Glauben zu bekennen.

Die letzte Station der Ausstellung gewährt einen Blick auf einige Trauerbotschaften zum Tod des Nationaltorhüters Robert Enke. Der Spieler von Hannover 96 hatte sich im November 2009 umgebracht. Die damals überwältigende Trauerbewegung zeige, dass der Fußball in Ohnmacht, Trauer und Verzweiflung nicht weiterhelfen könne, sagte Queckenstedt. Kirche und Religion jedoch könnten Ohnmacht kanalisieren und Hoffnung geben. · epd

http://www.kirche-bremen.de

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