Das Müllheizkraftwerk ist 50: Stromlieferant für Fernwärmeleitung

Entsorger wird Versorger

Das Müllheizkraftwerk in Findorff trägt mittlerweile den Schriftzug der SWB. Foto: KOWALEWSKI

Bremen - Von Martin Kowalewski. Es herrscht mehr Betrieb denn je. Das Müllheizkraftwerk in Findorff ist 50 Jahre alt und von einer reinen Müllverbrennungsanlage zum „unverzichtbaren Lieferanten von Strom und Fernwärme“ geworden. Das sagte jedenfalls ein Sprecher des Bremer Versorgers SWB. Etwa 200 Lastwagen fahren täglich über die Rampe im Eingangsbereich. Ein Fünftel des Mülls kommt aus Bremen: der Inhalt der schwarzen Restmülltonnen der Stadt. Dazu kommt Gewerbeabfall aus Niedersachsen und den Niederlanden.

Die Idee für die Anlage entstand 1965, vier Jahre später war sie fertig, sagt Jens Uwe Freitag, Geschäftsführer der SWB-Erzeugung und der SWB-Entsorgung. Die Anlage sei im europäischen Vergleich die modernste gewesen. „1969 war der Bau der Anlage für Bremen wichtiger als die Mondlandung. Sie war nötig, um das Problem des Müllnotstandes zu lösen“, sagt heute SWB-Vorstand Torsten Köhne (54). Durch das enorme Wirtschaftswachstum hatte sich das Müllaufkommen massiv erhöht, im Gegensatz zu den Deponieflächen.

Die Anlage startet mit drei Kesseln. Zusammen schaffen sie 45 Tonnen Müll pro Stunde. 1972 wird eine Leitung der Heizversorgung der Uni gelegt. 1975 ist die kontinuierliche Heizversorgung der Uni möglich. 1976 kommt ein vierter Kessel dazu. Die Gesamtleistung steigt auf 65  Tonnen Müll pro Stunde. Ein Spitzenheizwerk wird fertiggestellt, das bei Nachfragespitzen zusätzliche Wärme ins Fernwärmenetz gibt und im Falle eines Ausfalls der Müllverbrennung einspringt. Die Anlage heißt nun Müllheizwerk. 1981 beginnt die Stromerzeugung. Eine erste Turbine liefert 2,7 Megawatt und deckt überwiegend den Eigenbedarf des Müllheizwerkes. In den 80er Jahren geriet dieses als Dioxinschleuder in Verruf. „Ich bin in den 80ern groß geworden. Das Pendant zum Wort Müllverbrennungsanlage war damals Dioxin“, sagt Freitag. Die Abschaltung wird beschlossen. Doch dazu kommt es nicht. 1989 wird eine Rauchgasreinigungsanlage in Betrieb genommen.

In den 90ern beginnen umliegende Kommunen, ihren Müll zur Bremer Verbrennungsanlage zu bringen, weil die 1993 erscheinende „Technische Anleitung Siedlungsabfall“ viele Deponien zur Schließung zwingt. 1995 gibt es einen ersten Vertrag mit dem Landkreis Nienburg.

1998 wird das Müllheizkraftwerk privatisiert. Die Abfallbehandlung-Nord, eine Tochter der Bremer Entsorgungsbetriebe, ist der neue Betreiber. Die Buchstaben ANO, Kürzel des Unternehmens, hängen nun an dem großen Hauptgebäude. Mittlerweile wird die Anlage als Müllheizkraftwerk bezeichnet. Eine zweite Turbine nimmt 2000 den Betrieb auf. Als neue Abnehmer für Fernwärme kommen das Wohngebiet Weidedamm und der Technologiepark an der Uni hinzu. Von 2001 bis 2007 erfolgen umfangreiche Maßnahmen zur Leistungssteigerung. 550 000 Tonnen Müll werden nun jährlich verbrannt. 2008 übernimmt die SWB die ANO und auch das Müllheizkraftwerk. Der Wandel vom Entsorger zum Erzeuger wird jetzt betont.

Von 2010 bis 2013 folgen weitere Maßnahmen zur Effizienzsteigerung. Kessel und Turbinen werden modernisiert. Kessel 1 wird um- und Kessel  4 neu gebaut. Eine dritte Turbine kommt dazu. Der Müll wird mit vor der Verbrennung mit Klärschlamm gemischt. Die Wirkung: Bei gleichem Müllaufkommen wird die dreifache Menge an Strom erzeugt, „Es waren lange schwierige Jahre, in denen wir Geld reingesteckt haben“, sagt Freitag. Zeitweise hat es auch zu wenig Abfall gegeben oder die Preise gingen in den Keller.

Freitag fasst zusammen, worauf es ankommt: „Wir müssen möglichst effizient und möglichst breit aufgestellt sein und strategisch denken.“ Mit den drei Standbeinen Müllverbrennung, Strom und Fernwärme könne man es heute gut abfedern, wenn einer der Märkte nicht so läuft.

Ab 2023 soll das Müllheizkraftwerk einen erheblichen Anteil der Wärme für das Fernwärmenetz Ost liefern und so helfen, die Verbrennung von Steinkohle am Kraftwerksstandort Hastedt zu reduzieren.

Dafür soll zwischen 2020 und 2022 eine sieben Kilometer lange Leitung bis zum Heizwerk Vahr an der Emil-Sommer-Straße entstehen. Zeitgleich soll die Fernwärmeleistung der Anlage weiter gesteigert werden. Außerdem ist laut SWB eine Optimierung der Rauchgasreinigungsanlage vorgesehen.

Die Zahlen 

Das Müllheizkraftwerk Bremen im Stadtteil Findorff (Adresse: Oken 2) verbrennt jährlich 500 000 Tonnen Müll, erzeugt mehr als 300 000 Megawattstunden Strom sowie mehr als 200 000 Megawattstunden Fernwärme. Es speist eine Strommenge entsprechend dem Bedarf von zehn Prozent der Bremer Haushalte ein und liefert Fernwärme für 15 000 Kunden.

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