Entsorger und Erneuerer

„Lange Nacht der Industrie“: Entdeckungstour durch Bremer Unternehmen

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Michael Strätker (links) von Nehlsen steht an einer der vielen Gruben, in der die verschiedenen Stoffe gelagert und kurze Zeit später per Kran zur Cryogenanlage transportiert werden.

Bremen - Von Steffen Koller. Präsentationen, Rundgänge, Gespräche: Rund 300 Teilnehmer haben sich am Donnerstagabend auf eine nächtliche Entdeckungstour durch Bremer Firmen begeben. Ob Autohersteller, Energieversorger, Maschinenbaufirma oder Erfinder für Containersysteme – die Palette der angesteuerten Unternehmen bei der „Langen Nacht der Industrie“ war auch bei der neunten Auflage der Veranstaltung groß.

Aufbereiten, wiederverwerten, recyceln, entsorgen: Diese Begriffe lösen bei den meisten Menschen wohl nicht überschwängliche Jubelstürme aus. Trockenes Thema, könnte man meinen. Nur was für Spezialisten, wäre eine denkbare Assoziation. Und doch zeigt sich beim Besuch des Firmengeländes von Nehlsen in der Überseestadt, dass das Thema Müll sehr wohl verschiedene Facetten hat, großes Interesse bei Teilnehmern der „Langen Nacht der Industrie“ auslöst. „Massiv erstaunt“ sei er über die große Resonanz, sagt Geschäftsführer Jürgen Neumann zu den rund 50 Besuchern, die sich in quietschgelber Weste und grünen Helmen aufgereiht haben. „Wer früher keinen Job bekam, ging zur Müllabfuhr“, sagt Neumann und spricht damit ein Vorurteil an, das wohl noch in vielen Köpfen hängt. „Vergangenheit. Alles Vergangenheit“, sagt er dann – und gibt den Besuchern im Anschluss selbst Gelegenheit, sich zu überzeugen.

200.000 Tonnen gefährlicher Abfall

Über dem rund 15 Hektar großen Areal direkt an der Weser hängt ein seltsamer Geruch. Lack- und Lösungsmittel vermischen sich in der Nase mit einem undefinierbaren „Duft“ alter Socken. Gabelstapler und Lastwagen rollen über das Gelände, während Michael Strätker, stellvertretender Laborleiter, die Besucher ins hauseigene Labor führt. Reagenzgläser, Schläuche und Analysegeräte stehen neben Chemikalien und Pipetten. Jede Art von Müll werde hier untersucht, sagt Strätker. Allein das Abwasser werde auf bis zu 20 Stoffe geprüft. Die Menge an Stoffen, die auf dem Gelände verwertet werden, ist nach Angaben der Firma immens. Allein 200  000 Tonnen gefährlicher Abfall würden jährlich entsorgt oder recycelt und nach Möglichkeit in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt.

Herzstück dieses Verfahrens in die sogenannte Cryogenanlage. Lange Fließbänder, ein Kran, ein riesiger Schredder, eine Trommel und flüssiger Stickstoff machen aus kontaminierten Verpackungsmaterialien kleine Plastikkörner, die wieder zu Herstellung von Dosen, Boxen und Co. verwertet werden können, sagt Strätker, während im Hintergrund laute Knirsch- und Knackgeräusche durch die meterhohe Halle kreisen. Dass dabei eher unangenehme Gerüche frei werden, liege in der Natur der Sache, so der stellvertretender Laborleiter. Und außerdem sei man nicht bei „Douglas“, ruft er den Teilnehmern mit einem Lachen zu. Die Besucher, bunt gemischt und aus jeder Altersklasse, stimmen zu und begeben sich umgehend in den Fragemodus.

„Müll und alles drum herum ist interessanter, als ich mir vorgestellt habe“, heißt es unter anderem von Niklas (18) aus Bremen, der mit Freunden mal „einen Blick hinter die Kulissen erhaschen“ wollte. „Sehr wissenswert“ nennt Gertrude (67) aus Bassum das Format. „Das mache ich wieder“, ist die Rentnerin begeistert und stellt dann fest: „Jeder fabriziert Müll, doch kümmern will sich keiner. Hier tut es einer.“

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