Beratung und Engagement

Energie, Ernährung, Kaffeefahrten: 60 Jahre Verbraucherzentrale in Bremen

Flagge zeigen für Verbraucherrechte: Dr. Annabel Oelmann von der Bremer Verbraucherzentrale vor der Einrichtung am Altenweg. Für die Zukunft erwartet Oelmann eine stärkere Rolle des Klima-Themas: „Klimaschutz und Verbraucherschutz müssen zusammengedacht werden.“
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Flagge zeigen für Verbraucherrechte: Dr. Annabel Oelmann von der Bremer Verbraucherzentrale vor der Einrichtung am Altenweg. Für die Zukunft erwartet Oelmann eine stärkere Rolle des Klima-Themas: „Klimaschutz und Verbraucherschutz müssen zusammengedacht werden.“

Professionelles Engagement für die Rechte von Verbrauchern – als letztes Bundesland hat Bremen 1961 eine Verbraucherzentrale bekommen. 1962 begann die Beratung, vor nunmehr 60 Jahren also.

Bremen – Der überparteiliche, anbieterunabhängige und gemeinnützige Verein berät in Fragen des privaten Konsums und vertritt Verbraucherinteressen bei Unternehmen, Politik und Verbänden. In Bremen steht Dr. Annabel Oelmann an der Spitze. Im Interview spricht sie über die Arbeit der Einrichtung am Altenweg 4 zwischen Faulenstraße und Wall.

Warum hat Bremen als letztes Land eine Verbraucherzentrale bekommen?

Vor Gründung der Verbraucherzentrale bestanden in Bremen zahlreiche Verbände, die sich mit Verbraucheraufgaben beschäftigten, so unter anderem beim Senator für Wirtschaft und Außenhandel, bei der Handelskammer und die Organisation Bremischer Verbraucherverbände, zu der sich der Deutsche Gewerkschaftsbund, einige Einzelgewerkschaften sowie die Arbeiter- und Angestelltenkammer zusammengefunden hatten.

Diese Organisationen arbeiteten nebeneinander, aber nicht koordiniert; sie betrieben – unabhängig voneinander – Verbraucheraufklärung und Verbraucherpolitik. Mehrere Versuche, die Arbeit zu koordinieren, scheiterten an der Eigenständigkeit und an bestimmten Führungsansprüchen einzelner Gremien.

Im Laufe des Jahres 1960 nahmen die Besprechungen zu einer gemeinsamen Arbeit auf Initiative der damaligen Verbraucherreferentin beim Senator für Wirtschaft konkrete Formen an.

Wo saß die Bremer Verbraucherzentrale zu Beginn?

Im Januar 1962 eröffnete die Verbraucherzentrale zusammen mit der Hauswirtschaftlichen Beratungsstelle die ersten Räume am Katharinenklosterhof.

Was sind die Schwerpunkte in der Anfangszeit?

Die Schwerpunkte liegen in der Beratung bei allen Dingen der Haushaltsführung – von Geräteberatung bis Wohnungsausstattung, Koch- und Nähkursen. Die Themen der 1960er: gesunde Ernährung, Tiefkühlkost und Küchenplanung. Es gibt einen wöchentlichen Preisspiegel von Gütern des täglichen Bedarfs. In der Produktberatung werden den Ratsuchenden an den Geräten der verschiedenen Hersteller Vor- und Nachteile erläutert.

Was sind die Schwerpunkte heute?

Stornierung von Reisen, „Abzocke von Fake-Shops“ im Internet, Energiesperren vermeiden, Geld sparen bei knappen Kassen, Inflation, zweite Meinung zur Finanzierung von Hauskauf oder Bauvorhaben, nachhaltige Geldanlagen, Strafzinsen, untergeschobene Verträge, Haustürgeschäfte, Abzocke durch Handwerker, Telefonanbieter und Onlineshops, energetische Sanierung, alternative Energien (Solar, Photovoltaik und Wärmepumpen), Tierwohl, Novel Food (neuartige Lebensmittel, d. Red.) und Ernährung von Seniorinnen und Senioren.

Welche Themen sind geblieben?

Mit dem Bus in die Quartiere: Ab 1975 steuert der „Verbraucherbus“ der Ernährungsberatung – ein orangefarbener VW-Bus – als „rollende Beratungsstelle“ in den Sommermonaten Wochenmärkte, Einkaufszentren und Stadtteilfeste an. Heute wird wieder über dezentrale Beratungsmöglichkeiten nachgedacht.

Die Ernährungsberatung gibt es weiterhin sowie weitere Themen, die bis Ende der 1970er Jahre ausgebaut wurden. Dazu gehören die Energieberatung, die Budgetberatung und die Rechtsberatung. Auch alte Klassiker wie Kaffeefahrten gibt es noch heute.

Was ist die schwierigste Phase in der Geschichte der Bremer Verbraucherzentrale gewesen?

Im Februar 2019 braucht die Verbraucherzentrale plötzlich selbst Hilfe, denn der Verein muss einen Insolvenzantrag stellen. Das Gute vorweg: Die Sanierung der Verbraucherzentrale Bremen wird erfolgreich abgeschlossen.

Die Verbraucherzentrale ist angelehnt an den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TV-L). Der TV-L wiederum verpflichtet zu einer Altersvorsorge in die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL). Doch eingezahlt hat die Verbraucherzentrale richtigerweise in den Versorgungsverband bundes- und landesgeförderter Unternehmen (VBLU). Da die Verbraucherzentrale kein Unternehmen des Öffentlichen Dienstes ist, kann sie gar nicht in die VBL einzahlen. Aber durch diesen pauschalen Verweis im Musterarbeitsvertrag auf den TV-L könnte ein Anspruch vergleichbar mit der VBL bestehen, auf den kaum rückwirkend verzichtet werden kann.

Das ist ein Insolvenzauslöser, obwohl eigentlich akut kein Problem bestand. Die Verbraucherzentrale hatte kein Liquiditätsproblem. Aber wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter mit diesem Passus im Arbeitsvertrag in den Ruhestand gegangen wäre, hätte sie/er auf VBL-gleichwertige Leistungen bestehen können. Dieser Anspruch bestünde dann gegenüber dem Verein. Die Verbraucherzentrale ist aber gemeinnützig und kann keine Pensionsrückstellungen bilden. Deshalb bestand eine drohende Zahlungsunfähigkeit. Der Formfehler im Musterarbeitsvertrag war etwa 15 Jahre früher passiert, als der Musterarbeitsvertrag vom Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) auf den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst der Länder umgestellt wurde.

Gibt es Themen, die in Bremen stärker gefragt sind als anderswo – und welche wären das?

Beim Thema Finanzdienstleistung ist die Verbraucherzentrale breit aufgestellt und hat zum Beispiel das Thema nachhaltige Geldanlagen, als erste Verbraucherzentrale bundesweit, beraten können, da wir die Expertin hier im Hause sitzen haben.

Ebenso hat die Verbraucherzentrale Bremen frühzeitig mit dem lokalen Energieanbieter nach Lösungen für drohenden Energiesperren im Land Bremen gesucht und hilft seither vielen Bremerinnen und Bremern in der Energiebudgetberatung. Beim Thema Solarberatung liegen wir auch weit vorne, seit Jahren wird das Thema von der Verbraucherzentrale Bremen mit der Kampagnenarbeit „mach Watt“ vorangetrieben.

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