Eiswettspiel am Punkendeich:

Eiswette in Bremen: Selfies mit dem Bügeleisen

+
Der neue Eiswettschneider Peter Lüchinger tritt am Mittwoch zur traditionellen Eiswette am Weserdeich in Bremen mit einem zum Selfie-Smartphone umgebauten Bügeleisen auf.

Bremen - Von Jörg Esser. Gesangseinlagen der Heiligen Drei Könige. Und dazu ein Schneider im blauen Zwirn, der mit seinem Bügeleisen-Handy Selfies macht. Das Eiswettspektakel vor mehreren hundert Schaulustigen am Punkendeich hatte heute Mittag einige Überraschungen parat.

Das Ergebnis der Eiswette allerdings ist seit Jahrzehnten vorhersehbar: „De Werser geiht.“ Der Fluss ist natürlich eisfrei – trotz Minusgraden am Ufer.

Kalt ist es am Deich. Mächtig kalt. Gefühlte minus zehn Grad. „Passt doch zur Eiswette“, sagt ein Bremer, der sich das Spektakel „nur im Notfall entgehen lässt“, und stapft auf der Stelle im Schnee. „Fußkalt hier.“

Was soll’s. Die erste Fanfare erklingt. Das Spiel beginnt. In Saison 187. Mit Zeremonienmeister Stefan Bellinger. Mit der Ankunft des Präsidiums, des Medicus und des Notarius (den CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp mimt). Die Novizen kommen im Laufschritt. Tempo: allenfalls Trab. Alles läuft nach Plan.

Dann hetzen die Heiligen Drei Könige den Deich hinunter. „Welch chaotischer Auftritt, das gab es ja in 186 Jahren noch nicht“, wirft Eiswettpräsident Patrick Wendisch ein. „Transitzonen gab es bislang ja auch nicht“, antworten die Majestäten. Und schon ist der Stoff fürs erste Wortgeplänkel gefunden. Letztlich versichert der Präsident den Weisen aus dem Morgenland: „Ihr könnt so lange in Bremen bleiben, wie Ihr wollt.“ Und die Könige schmettern ein Dankeslied. Weitere Gesangsdarbietungen werden im Laufe der nächsten Stunde folgen. Ein Loblied auf „Angela“ (Merkel) beispielsweise.

Dann endlich kommt der Schneider. Für Darsteller Peter Lüchinger, gebürtiger Schweizer und seit 1989 Ensemblemitglied der Bremer Shakespeare-Company, ist es der erste Solo-Auftritt beim Eiswettspiel. Er spricht mit dem Akzent der Eidgenossen. Und trägt einen blauen Zwirn. Sein Bügeleisen hat er zum Smartphone umfunktioniert und an einem Selfie-Stick befestigt. Für den Präsidenten und den „Tünkram“ (die Eiswette) hat er folglich überhaupt keine Zeit. Der Schneider macht Selfies. Links. Rechts. Mit Publikum. Mit Präsidium. Mit dem Medicus. Und mit Caspar, Melchior und Balthasar. Nur der Notarius will die Rechte an seinem Bild nicht abtreten.

Eiswette an der Weser 2016

Das Wortgefecht geht in die nächste Runde. Mit Bremer Politik. Da geht es um Schulden, fehlendes Geld, kaputte Straßenbahnen, um Tempo 30, das Parkverbot im Concordia-Tunnel, um die Innenstadtentwicklung. Der Schneider jedenfalls schlägt eine Einbahnstraßenregelung für die gesamte Innenstadt vor. Und alle alten Gebäude, auch Dom, Rathaus und Schütting, würde er abreißen, um Verkaufsflächen zu schaffen. Das Publikum lacht. Den Majestäten wird es zu dumm. Sie beklagen sich über die „hirnrissigen Spinnereien“ des Schneiders und steuern den Kohl- und Pinkel-Imbiss an.

Jetzt muss nur noch geklärt werden, ob die Weser fließt oder steht. Dafür wird ja der Schneider gebraucht. 99 Pfund muss er wiegen. Das tut er – weil die Waage nicht funktioniert, wie sich herausstellen soll. „VW“, sagt der Schneider. „Volkswaage“. Und so wird auch noch der Volkswagen-Skandal gestreift. Auch Sepp Blatter und die Fußballbosse vom Weltverband bekommen noch ihr Fett weg.

Das Bügeleisen ist auch heiß, wie der Medicus unfreiwillig und unter Schmerzen feststellt. So kommt, es wie es immer kommt. Die Novizen werfen Steine in die Weser, um festzustellen, dass der Fluss fließt. Und der Schneider steigt mit einer Flasche Eiswettkorn auf einen Seenotkreuzer.

Ebenso traditionell wie das Spektakel ist das Eiswett-Festmahl am dritten Sonnabend im Januar. Rund 800 Herren in Frack und Smoking kommen zu einem mehrgängigen und über Stunden dauernden Essen zusammen. Dabei werden Spenden für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gesammelt. 2015 landeten 418000 Euro in der Kasse der Seenotretter.

Winterliche Bräuche im Nordwesten

Bremer Eiswette: Der Ausgang der traditionellen Wette am 6. Januar steht eigentlich schon jedes Jahr fest. Trotzdem zieht sie immer wieder zahlreiche Bremer an den Weserdeich. Seit 1829 prüfen dort mehrere schwarz gekleidete Herren, ob die Weser zugefroren ist. Dafür soll ein 99 Pfund leichter Schneider mit einem heißen Bügeleisen den Fluss überqueren - was ihm am Ende immer nur in einem Boot gelingt, denn richtig zugefroren war die Weser zuletzt im Winter 1946/1947. Die Eiswettprobe läuft nach einem festgelegten Zeremoniell ab, zu dem ein Schlagabtausch zwischen Schneider und Eiswettpräsidium gehört. Dabei bekommt die Politik immer ordentlich ihr Fett weg.

Lätare-Spende in Verden: Seit 1602 lässt die Stadt am Montag nach Lätare - dem Sonntag drei Wochen vor Ostern - Brote und Heringe an das Volk verteilen. Die traditionelle Spende erinnert an ein Vermächtnis des legendären Piraten Klaus Störtebeker. Kurz vor seiner Hinrichtung im Jahr 1401 soll er bestimmt haben, dass die Stadt Verden diese Gaben jedes Jahr an Bedürftige, Beamte und Geistliche verschenken soll. Ein „Störtebeker“-Darsteller und mehrere Ehrengäste teilen diese an Zuschauer vor dem Rathaus aus.

Klaasohm auf Borkum: Am 5. Dezember ziehen sich sechs junge, unverheiratete Borkumer Masken mit Schafsfellen und Vogelfedern über. Die Klaasohms begleitet ein als Frau verkleideter Mann, der sich als Wievke mit Rock und Schürze wild gebärdet. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit treten sie zu einem rituellen Kampf an, bei dem ausschließlich auf Borkum geborene Männer zugelassen sind. Danach ziehen sie laut lärmend durch die Straße. Kinder erhalten Moppe, einen Honigkuchen. Frauen, die sich aus dem Haus wagen, bekommen dagegen Kloppe mit einem Kuhhorn. Höhepunkt ist der Sprung der Klaasohms und der Wievke von einer meterhohen Säule in die johlende Menschenmenge.

Sinterklaas in Emden: Jedes Jahr am Tag vor Nikolaus besucht der holländische Sinterklaas das ostfriesische Emden. Dabei hat er seinen Helfer „Zwarte Pieten“, der im Gesicht schwarz geschminkt ist. Hunderte Zuschauer begrüßen die beiden traditionell im Emder Hafen, wo sie mit dem Boot eintreffen. Dort steigt der Sinterklaas aufs Ross und reitet über den Weihnachtsmarkt.

dpa

Gestörte Feier nach Wolfsburger Rettung in Braunschweig

Gestörte Feier nach Wolfsburger Rettung in Braunschweig

Von wegen untendrunter: Unterwäsche trägt man nun sichtbar

Von wegen untendrunter: Unterwäsche trägt man nun sichtbar

Jubel, Trauer und Ausschreitungen: Bilder vom Relegations-Derby

Jubel, Trauer und Ausschreitungen: Bilder vom Relegations-Derby

Wolfsburger Kraftakt: VW-Club bleibt in der Bundesliga

Wolfsburger Kraftakt: VW-Club bleibt in der Bundesliga

Meistgelesene Artikel

Spenden aus dem Bremer Untergrund

Spenden aus dem Bremer Untergrund

Uwe und Nadine Kloska sind „Bremer Unternehmer“ 2017

Uwe und Nadine Kloska sind „Bremer Unternehmer“ 2017

Noch Bock auf Krawall

Noch Bock auf Krawall

„Seabreacher“: Wasser-Erlebnis mit bis zu 100 „Sachen“

„Seabreacher“: Wasser-Erlebnis mit bis zu 100 „Sachen“

Kommentare