Ein eiskaltes Zuhause

Die erste Forschergruppe auf der Scholle: Gunnar Spreen (l.) und Matthew Shupe (r.) untersuchen eine potenzielle Eisscholle für die „Mosaic“-Expedition der „Polarstern“. Foto: ESTHER HORVATH/AWI

Nach nur wenigen Tagen haben Wissenschaftler der „Mosaic“-Expedition eine Eisscholle gefunden, auf der sie das Forschungs-camp für die einjährige Drift durch das Nordpolarmeer aufbauen wollen.

Bremerhaven – Damit ist einer der wichtigsten Meilensteine der Expedition bereits vor dem geplanten Termin und vor Einbruch der Polarnacht erreicht. Die Suche mit Hilfe von Satelliten, zwei Eisbrechern, Helikopterflügen und Erkundungsmissionen auf dem Eis war dennoch eine enorme Herausforderung – unter anderem, weil es nach dem warmen Sommer kaum ausreichend dicke Schollen in der Ausgangsregion der Expedition gibt, sagte eine Sprecherin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven (AWI). Die Suche im Zielgebiet in der zentralen Arktis wurde durch den vom Arktischen und Antarktischen Forschungsinstitut Russlands (AARI) betriebenen Eisbrecher „Akademik Fedorov“ unterstützt.

Die beteiligten Wissenschaftler hatten 16 Schollen genauer untersucht, deren Satellitenaufnahmen vermuten ließen, sie wären groß genug für das Camp. Die Wahl fiel auf eine 2,5 Kilometer mal 3,5 Kilometer messende Scholle bei 85 Grad Nord und 137 Grad Ost. Die Scholle, an der sich die „Polarstern“ nun festfrieren lässt, driftet derzeit laut AWI bis zu zehn Kilometer pro Tag in unterschiedliche Richtungen. „Es ist eine Eisscholle mit einem ungewöhnlich stabilen Bereich, der uns das Vertrauen gibt, eine gute Basis und Ausgangspunkt für ein komplexes Forschungscamp zu sein. Gleichzeitig ist diese Scholle in ihren anderen Bereichen typisch für die neue Arktis, die von dünnen instabileren Schollen gekennzeichnet ist. Gerade deshalb ist sie für unsere wissenschaftlichen Projekte sehr gut geeignet“, sagte Expeditionsleiter Markus Rex. Es sei nicht die perfekte, aber die beste Scholle in diesem Bereich der Arktis. Sie biete, so Rex, bessere Bedingungen als die Forscher nach einem warmen arktischen Sommer hätten erwarten können. „Ob sie die Stabilität besitzt, die jetzt heraufziehenden Herbststürme zu überstehen, wird sich zeigen. Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet“, so Rex.

Bereits vor ein paar Tagen setzten erste Wissenschaftler von der „Polarstern“ auf diese Scholle über, die schon länger aufgrund von Satellitendatenanalysen als Favoritin galt, wie es heißt. Auf den Radarbildern der Satelliten sticht die dunkle, leicht eiförmige Scholle durch einen ausgedehnten hellen Bereich hervor. Inzwischen haben die Forscher diesen ausgedehnten Teil die „Festung“ getauft, denn es ist ein stark verpresster, mehrere Meter dicker Bereich, von dem sie sich eine höhere Stabilität und eine sichere Basis für den Aufbau des letztlich weit darüber hinaus reichenden Eiscamps erhoffen. Die dunklen Bereiche seien dagegen mit ihren vielen überfrorenen Schmelztümpeln und dünnem, porösem und wenig stabilem Eis typisch für die Eisbedingungen der neuen Arktis. Die Eisdicke liege hier bei 30 Zentimetern im Bereich der frisch überfrorenen Tümpel und bei 60 bis 150 Zentimetern in den älteren Bereichen dazwischen. Rex: „Wobei hier jeweils die unteren 30 bis 40 Zentimeter des Eises schwammartig durchlöchert und wenig stabil sind.“

Die Beschaffenheit der Scholle war den Wissenschaftlern anhand der Satellitenbilder dabei zunächst nicht bekannt. Erst mehrere Tage und Nächte andauernde Arbeiten auf der Scholle selbst erbrachten die Daten – eine Herausforderung. Von der Brücke der „Polarstern“ aus wurden die Erkundungen koordiniert und mit Infrarotkameras überwacht. Eisbärwachen haben die Wissenschaftler bei den Messungen begleitet. Beim Aufbau des Camps befinden sich die Forscher in einem Wettlauf mit der Zeit, denn jetzt steigt die Sonne nicht mehr über den Horizont. Es verbleiben nur noch wenige Tage mit Dämmerung zur Mittagszeit.  gn

Infos aus der Arktis 

Die „Mosaic“-Expedition unter Leitung des AWI Bremerhaven hat ein Budget von 140 Millionen Euro. Im Laufe des Jahres werden etwa 300 Wissenschaftler aus 17 Ländern an Bord sein. Zusammen wollen sie zum ersten Mal das gesamte Klimasystem in der Zentralarktis erforschen. Sie erheben Daten in den fünf Teilbereichen Atmosphäre, Meereis, Ozean, Ökosystem und Biogeochemie. Neuigkeiten direkt aus der Arktis gibt es über die „Mosaic“-Kanäle auf Twitter (@MosaicArctic) und Instagram (@mosaic_expedition) über die Hashtags #MOSAiCexpedition, #Arctic und #icedrift. In der „Mosaic“-Web-App kann die Driftroute der „Polarstern“ zudem live mitverfolgt werden: „follow.mosaic-expedition.org“. Mehr Infos auf: https://www.mosaic-expedition.org/

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