Serie „Verschwunden“: Der Schwarzmarkt

Ein „schlechtes Beispiel“ für die Bremer

Der Bremer Hauptbahnhof Ende der 30er Jahre auf einer Ansichtskarte. Dann begann der Krieg. Und nach dem Krieg florierte hier der Schwarzmarkt.
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Der Bremer Hauptbahnhof Ende der 30er Jahre auf einer Ansichtskarte. Dann begann der Krieg. Und nach dem Krieg florierte hier der Schwarzmarkt.

Bremen – Vier Schachteln US-Zigaretten für ein Mutterkreuz – und für die Zigaretten dann vier Pfund dringend benötigte Butter. In der Not der Nachkriegsjahre florierte der Tauschhandel. Seide gegen Brikett, Silber gegen Torf, Ofen gegen Fahrrad.

So lief es bei Überlandfahrten, in der Tauschzentrale an der Katharinenstraße (Innenstadt) und auch über Tauschanzeigen an Bretterzäunen, etwa an der Ecke Schwachhauser Heerstraße/Kirchbachstraße. Und dann gab es da noch den Schwarzmarkt, heute Thema unserer Serie „Verschwunden“.

Denn der Schwarzmarkt war etwas anderes als der Warentausch über Bretterzaun-Gesuche oder der Warenwechsel in teils von der Stadt eingerichteten Tauschzentralen etwa für Kleidung und Schuhe. Schwarzmarkt, das war verbotener Handel unter anderem mit rationierten Waren.

Zigaretten als Währung

Zigaretten waren unumstritten das Tauschmittel, das zur neuen Verrechnungsgrundlage wurde und damit den Rang einer Währung hatte“, heißt es in dem Buch „Mit Zuckersack und Heißgetränk – Leben und Überleben in der Nachkriegszeit“, das 1989 vom Bremer Focke-Museum herausgebracht wurde.

Der Schwarzmarkt war illegal und gefährlich. Aber: „Nach dem Krieg war die Schutz- und Kriminalpolizei der Lage nicht gewachsen“, heißt es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011). „Die Kriminalpolizei bearbeitete jährlich etwa 2 000 Schwarzmarktfälle.“ Wieder und wieder gab es große Razzien, so im Oktober 1945 und im Oktober 1947.

Wo? Am Hauptbahnhof. Denn hier, auf dem Bahnhofsvorplatz, da schlug gewissermaßen das Herz des Bremer Schwarzmarkts. „Die Geschäftsanbahnung lief nach einem eingespielten Schema ab“, schreibt die Historikerin Anna-Maria Pedron in ihrem 2010 vom Bremer Staatsarchiv veröffentlichten Buch „Amerikaner vor Ort – Besatzer und Besetzte in der Enklave Bremen nach dem Zweiten Weltkrieg“. „An bestimmten öffentlichen Plätzen oder Straßenecken gingen Käufer und Kaufinteressierte vorwiegend in den frühen Abendstunden aufeinander zu.“

Holzspäne im Zuckersack

Und dann? Das: „An den Plätzen des Hauptgeschehens schlenderten Händler auf und ab und flüsterten dabei ihre Angebote mehr oder weniger vernehmbar vor sich hin, wobei sie als äußeres Kennzeichen in der Regel eine Aktentasche oder ein Paket unter dem Arm trugen.“

Die Zigarettenwährung war auf dem Schwarzmarkt das „Maß aller Dinge“, so Pedron. „Für einen Fotoapparat boten Amerikaner beispielsweise je nach Qualität bis zu 20 Stangen Zigaretten, für 20 Pfund Kirschen ein Päckchen Zigaretten.“ Zuweilen wurden Käufer betrogen, dann waren zum Beispiel Holzspäne im Zuckersack.

„Schwarzhändler waren die Hyänen der Wirtschaft“, berichtet ein 1908 geborener Zeitzeuge in „Mit Zuckersack und Heißgetränk“. „Bei den zahlreichen Polizeirazzien waren sie wie die Ratten plötzlich in irgendwelchen Löchern verschwunden.“ Ein weiterer Zeitzeuge, Jahrgang 1932: „Auf dem Schwarzen Markt kostete eine amerikanische Zigarette sieben bis zehn Mark, ein halbes Pfund Butter 250 Mark.“

„Ein schlechtes Beispiel für die Bevölkerung“

Auf offizieller Seite kam diese Zustände nicht gut an. „Durch die illegalen Aktivitäten auf der Straße sahen die amerikanischen Besatzer ihre Machtposition infrage gestellt und durch die dunklen Geschäfte ein Umfeld entstehen, das Illegalität, Betrug und Korruption förderte, was ihren hochgesteckten Zielen diametral entgegenstand“, so die Historikerin Pedron. Die Beteiligung vieler GIs am Schwarzmarkthandel habe „zu einem Ansehensverlust“ geführt. Schwarzmarktaktivitäten seien „ein schlechtes Beispiel für die deutsche Bevölkerung“, hieß es in einem Memorandum der US-Militärregierung in Bremen.

1948 war Schluss. Die Währungsreform war der Wendepunkt, der Schwarzmarkt verlor seine Grundlage. Zigaretten waren nun keine Währung mehr.

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