Saatgut-Tauschbörsen erleben einen Boom

„Eine Volksbewegung“

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Saatgut-Tauschbörsen (wie hier im alten Güterbahnhof) boomen gegenwärtig. 

Bremen - Von Dieter Sell. Der Landesverband der Gartenfreunde lädt am Donnerstag, 28. März, zu einer Saatgut-Tauschbörse ein. Sie beginnt um 16.30 Uhr im Lehr- und Versuchsgarten „Flor-Atrium“ in Horn-Lehe und dauert bis 18 Uhr. Fachberater wollen für ein Angebot aus samenfesten Sorten sorgen, die selbst vermehrt werden können.

Es ist jedes Mal da gleiche Bild. Was da in Tütchen auf dem großen Tisch der Bremer Saatgut-Tauschbörse liegt, das braucht noch Phantasie. Kleine Körner, mal grau, mal bräunlich. Aber: mit Potenzial. „Ruthje“-Samen beispielsweise versprechen eine leuchtend rote und leicht herzförmige Tomate, mit ausgewogenem Süße-Säure-Verhältnis. Daneben liegen Samen der „Roten Zora“, die mild-aromatische Früchte hervorbringen soll. Und wer zur „Baba“ greift, kann sich möglicherweise im Sommer über Riesentomaten mit massenweise Fruchtfleisch freuen. Die Tomaten-Vielfalt auf der Tauschbörse ist enorm.

Und alle Saaten haben hier eines gemeinsam: Sie sind samenfest. „Das heißt, jeder kann sie selbst vermehren“, erläutert Umweltaktivistin und Gartenfachberaterin Rike Fischer von der Initiative „Bremen im Wandel“, die die Börse mit organisiert. Im herkömmlichen Handel sind Saaten dieser Art kaum noch zu finden, sondern fast nur noch sogenannte „Hybride“ – Saaten für Pflanzen, die sich nicht nachzüchten lassen, sondern jedes Jahr neu gekauft werden müssen.

Saatgut-Tauschbörsen mit regionalen Sorten haben gerade mächtig Konjunktur. „Ihre Zahl verdoppelt sich jedes Jahr“, sagt Susanne Gura aus Bonn, Vorsitzende des bundesweiten Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt: „Früher hat das kaum jemanden interessiert, heute ist es fast schon eine Volksbewegung.“ Für die Agrarexpertin ist es wichtig, die weltweite Ernährungssicherheit durch Sortenvielfalt zu erhalten.

Wie es um die Gemüse-Vielfalt tatsächlich bestellt ist, dokumentiert eine Studie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die vergangenes Jahr erschienen ist. Demnach sind von 7 000 Sorten und Arten, die es zwischen 1836 bis 1956 in Deutschland noch gab, 75 Prozent verschwunden. Weitere 16 Prozent der ursprünglichen Gemüsevielfalt gelten als gefährdet, weil ihr Saatgut innerhalb Europas nur noch in Genbanken oder bei verschiedenen Saatgutinitiativen existiert. Die übrigen neun Prozent werden bis heute angebaut.

Gleichzeitig wachsen die Konzerne, die Saatgut patentieren und verkaufen. Heute sei Saatgut, das von jeder Pflanze im Überfluss produziert werde, größtenteils zur Ware geworden, meint Rike Fischer: „Tauschbörsen setzen dem etwas entgegen.“

Und auch Biogärtner wie Jan Bera, der in Holste-Oldendorf einen Hof nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft führt. Einen großen Teil der Saaten, die er für die Anzucht in seinen Gewächshäusern braucht, vermehrt er selbst und passt sie so ideal an die Produktionsbedingungen auf dem Hof an. In seiner Saatgut-Schatzkammer schlummern Hunderte unterschiedlicher Samensorten, beispielsweise von Tomaten, Mais, Kohl, Auberginen und Mangold.

„Pflanzen, hacken, ernten – das ist mir zu wenig“, sagt der 38-Jährige. Jahrtausendelang habe die Vielfalt der Pflanzen die Ernährung der Menschen gesichert. Über Generationen seien die Saaten weitergegeben worden. Heute dagegen arbeiteten die meisten Bauern mit gekauftem Material, das für die maschinelle Produktion optimiert worden sei.  

epd

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