Gutachterin schildert ihren Eindruck vom Angeklagten

Mordprozess in Bremen: „Eine Kampfbeziehung“

Der Angeklagte und sein Verteidiger sitzen auf der Gerichtsbank.
+
Angeklagt wegen Mordes: Der 42-Jährige sitzt mit seinem Anwalt Thomas Domanski im Landgericht Bremen. Er soll seine Lebensgefährtin im November 2020 getötet haben.

Im Mordprozess gegen einen 42-Jährigen vor dem Landgericht sagte am Donnerstag eine forensische Sachverständige aus. Nahlah Saimeh gilt als renommierte Gutachterin.

Bremen – Drogen, Eifersucht und eine Partnerschaft, die als „absolute Hochrisikobeziehung“ zu bezeichnen sei: Im Mordverfahren gegen einen 42-jährigen Mann vor dem Bremer Landgericht, der seine Partnerin (56) in Bremerhaven so schwer verletzt haben soll, dass sie wenige Tage später starb, hat am Donnerstag die forensische Sachverständige Nahlah Saimeh (55) ihr psychiatrisches Gutachten vorgetragen. Dabei hatte sie nie mit dem Angeklagten gesprochen.

Das sei jedoch üblich vor Verhandlungen, hieß es. Meist bei wenigen Treffen, sogenannten Explorationen, kommen Angeklagter und Gutachter ins Gespräch. Es folgen Fragen zu kulturellem Hintergrund, Kindheit und Jugend, zu etwaigen Brüchen in der Entwicklung, traumatischen Erlebnissen. Doch der Mann lehnte dies wohl ab – und so musste Saimeh ihre Erkenntnisse aus den Gerichtsakten, aus Attesten und dem Prozessverhalten des 42-Jährigen mit Hilfe eines deduktiven Verfahrens erheben. Diese trug sie der Schwurgerichtskammer vor.

1979 in Serbien geboren, zog der Angeklagte samt Familie im Alter von zehn Jahren nach Deutschland und durchlief hier eine halbwegs normale Schullaufbahn. Und dennoch sei sein Leben aus einem Gefühl der Einsamkeit und Wertlosigkeit geprägt, sagte Saimeh. „Sozial abgehängt“, „kulturell entwurzelt“ und mit einem „negativen, enttäuschten Blick auf sich selbst“, wird der Mann mit 17 Jahren zum ersten Mal Vater. Später fällt er einschlägig mit Diebstahlsdelikten auf. Man könne den Mann als „durchaus fleißig“ bezeichnen, jedoch sei seine Eigenverantwortung „kaum bis gar nicht vorhanden“ gewesen.

Wechselseitige Liebe, wechselseitige Wut

Und dann lernte der Angeklagte seine Partnerin kennen. Sie, „schwer alkoholkrank und nicht therapiewillig“, er, seit 25 Jahren „schwer drogenabhängig“. Und beide vereinte mutmaßlich nicht nur das, beide, so Psychiaterin Saimeh, seien nach und nach „eine Kampfbeziehung“ eingegangen. „Ich liebe dich, ich hasse dich“, man könne nicht mit und auch nicht ohne den anderen, hinzukomme wechselseitige Wut, „mal intensiver, mal abgeschwächter, je nach Drogen- oder Alkoholkonsum“ – all das habe „zum absoluten Klassiker“ geführt, der im November 2020 zum gewaltsamen Tod der Frau führte. „Beide waren sich so ähnlich, so sehr ähnlich – das war eigentlich auch das Problem.“

Besonders eindrücklich würden sich diese Muster in Sprachnachrichten ausdrücken, die im Gerichtssaal abgespielt wurden. In denen schilderte die Frau Wochen vor ihrem Tod, wie innerlich zerrissen sie sei. Dort heißt es an einem Tag: „Ich liebe ihn wirklich! Er ist der Richtige – verdammt!“ Nur wenige Wochen später in einer weiteren Nachricht äußerst die Frau Zweifel daran, deutet an, der Angeklagte sei krankhaft eifersüchtig und sie lasse sich nicht „herumkommandieren“. „Er muss lernen, dass ich mir nicht alles gefallen lassen. Ich bin eine starke Frau.“

Hinweise auf Persönlichkeitsstörung

Beim Angeklagten seien Hinweise auf eine dissoziale Persönlichkeitsstörung zu erkennen, eine psychische Abartigkeit, wie beispielsweise eine Schizophrenie, jedoch nicht. Zudem betonte Saimeh mehrfach, dass sie nur schlussfolgern könne, ihr Gutachten durch die nicht durchgeführte Exploration somit nicht unbedingt auf den sonst gewonnenen Fakten beruhe.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Leckeres Essen zu einem Rabatt: Sparen Sie 50 Prozent auf Ihre Bestellung bei Bofrost

Leckeres Essen zu einem Rabatt: Sparen Sie 50 Prozent auf Ihre Bestellung bei Bofrost

Meistgelesene Artikel

Fridays for Future in Bremen: Bis zu 15.000 Menschen gehen für das Klima auf die Straße

Fridays for Future in Bremen: Bis zu 15.000 Menschen gehen für das Klima auf die Straße

Fridays for Future in Bremen: Bis zu 15.000 Menschen gehen für das Klima auf die Straße
Bremer Eventagentur „Joke“ eröffnet Veranstaltungshalle „Alte Werft“

Bremer Eventagentur „Joke“ eröffnet Veranstaltungshalle „Alte Werft“

Bremer Eventagentur „Joke“ eröffnet Veranstaltungshalle „Alte Werft“
Mercedes: Kurzarbeit in Bremen – hunderte Leiharbeiter auf der Straße

Mercedes: Kurzarbeit in Bremen – hunderte Leiharbeiter auf der Straße

Mercedes: Kurzarbeit in Bremen – hunderte Leiharbeiter auf der Straße
Verhängnisvolle Fahrt nach Helgoland

Verhängnisvolle Fahrt nach Helgoland

Verhängnisvolle Fahrt nach Helgoland

Kommentare