Alt-Bundespräsident liest aus seinem Buch

Christian Wulff: „Eine gnadenlose Verfolgung“

Schilderte im Bremer Ratkeller seine Sicht der Dinge: Alt-Bundespräsident Christian Wulff.
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Schilderte im Bremer Ratkeller seine Sicht der Dinge: Alt-Bundespräsident Christian Wulff.

Bremen – Nach exakt 598 Tagen war Schluss, Bundespräsident Christian Wulff (CDU) trat am 17. Februar 2012 von seinem Amt zurück. Eine kurze Zeit – und doch prägen ihn die Ereignisse um die sogenannte „Wullf-Affäre“ bis heute.

Vieles, sehr vieles wurde geschrieben, noch mehr Intimes ausgegraben, jeden Tag eine neue Story. „Eine öffentliche Hinrichtung“, wie der 62-Jährige es in seinem Buch „Ganz oben, Ganz unten“ nennt. Am Sonntag war Wulff im Bremer Ratskeller und las aus seinem Werk – und schilderte dabei seine Sicht der Dinge.

Unter den Augen von rund 100 Besuchern nannte Wulff die mediale Berichterstattung insbesondere der Boulevard-Presse um die damals im Raum stehenden Vorwürfe der Vorteilsnahme „eine gnadenlose Verfolgung“. Knapp 600 Tage, zwischen Juni 2010 und Februar 2012, bekleidete er das Amt des amtierenden Bundespräsidenten. Mehr als ein Zehntel davon, 67 Tage, sei eine „Treibjagd“ gewesen. Medienhäuser hätten sich auf jeden noch so privaten Lebensbereich Wulffs gestürzt, alte Kinderfotos veröffentlicht, sogar ein Tattoo seiner Frau Bettina nannte eine Tageszeitung einen „Import aus der Unterwelt“.

Monate, die am heute 62-Jährigen alles andere als spurlos vorbeigegangen sind und ihn doch drei entscheidende Dinge gelehrt hätten: Zum einen lebe er „in einem wunderbarem demokratischen Land“, in dem der Rechtsstaat herrsche, „der am Ende einen fairen Prozess und ein gerechtes Urteil“ ermögliche. Und drittens: Er sich in der Not auf wahre Freunde verlassen könne. All das war vor knapp zehn Jahren womöglich unvorstellbar für Wulff, der vor seinem Amt als Bundespräsident von 2003 und 2010 Ministerpräsident von Niedersachsen war. Seine Grundrechte seien „beiseitegeschoben“, das Post- und Bankengeheimnis im Zuge der Ermittlungen ausgehebelt worden. Besonders schockiert hätten ihn „die Durchstechereien der Justiz“, bis heute habe er sich damit nicht aussöhnen können. „Unter entwürdigenden Umständen“ dann der Rücktritt im Februar 2012, so Jurist Wulff, über den das Landgericht Hannover allein 30 000 Blatt in der Hauptakte anlegte. Es wurde ein enormer Aufwand betrieben im Zuge der Ermittlungen. Wulff schätzt, dass rund vier bis fünf Millionen Euro dafür nötig gewesen seien. Allein eine 24-köpfige Sonderkommission untersuchte damals die angebliche Vorteilsnahme, bei der es um eine Hotelrechnung für ein Wochenende auf Sylt ging, die ihm ein deutscher Filmproduzent bezahlt haben soll. Wulff wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen – und so lautete der Arbeitstitel für sein Buch ursprünglich „Glück gehabt“. Doch diesen Titel habe er bald verworfen, er empfand ihn als „sonderbar“ und eben nicht zutreffend.

In seinem Buch bezeichnet sich Wullf als „erstes Opfer von Fake News“, als Betroffener von „gnadenloser Verfolgung“. „Das Urteil ist gefällt, bevor der Prozess begonnen hat“, so sein Fazit der damaligen Berichterstattung, die auch mit einem zentralen Satz seines politischen Wirkens zu tun gehabt habe. Bei den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit hatte er im Oktober 2010 in Bremen den umstrittenen Satz gesagt: „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Heute sei er stolz auf diesen Satz. „Früher wurde ich dafür gescholten.“

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