Wie Schulkindern von heute die DDR vermittelt werden kann, ist das Thema einer Bremer Ausstellung

Eine Brücke mit „Tuppi Schleife“

Blick in die Ausstellung – mit dem Buch „Moritz in der Litfaßsäule“, das die 1941 geborene Autorin Christa Kozik geschrieben hat.

Bremen - Von Thomas Kuzaj· Wenn „Frau Elster“ und „Herr Fuchs“ beim „Sandmännchen“ ihre Dialoge entspinnen, wenn zwischen Buchdeckeln die Welten von „Tuppi Schleife“, vom „Schulgespenst“ und vom „Schweinchen Jo“ lebendig werden – dann ahnen die jungen Zuschauer und Leser nichts von der Geschichte dieser Figuren.

Genau das ist jetzt Thema einer Ausstellung, mit der die Bremer Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) das Jahr ihres 350. Geburtstags beschließt. „Frau Elster“, das „Schulgespenst“ und „Tuppi Schleife“ – sie alle sind „Ossis“. Und sie haben ihr Geburtsland, die DDR, überlebt. Oder auch: überdauert. Ihren ganz kleinen Zuschauern und Lesern dürfte das vollkommen gleichgültig sein.

Den etwas Größeren aber kann man doch ruhig schon mal kommen mit ein wenig deutsch-deutscher Geschichte. Dieser Gedanke führte zu einer Ausstellung, die rund um die offiziellen Feiern zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit im Herbst in der Villa Ichon (Goetheplatz) zu sehen war. Die Schau mit dem Titel „Zurückgeblättert – Kinderbücher und Kindheit in der DDR“, das Projekt eines Teams um Corinna Gerhards vom Institut für Bilderbuch- und Erzählforschung an der Bremer Universität, richtete sich an Familien und Kinder ab der dritten Schulklasse.

In der Staats- und Universitätsbibliothek ist „Zurückgeblättert“ jetzt noch einmal zu sehen – aber ergänzt um Erfahrungsberichte von Studenten, die beobachtet haben, wie die jungen Besucher auf das Thema DDR reagierten und sich damit auseinandersetzten.

Wie bringt man Kinder zu einem Thema, das sehr weit von ihnen entfernt ist? Dass etliche der DDR-Kinderbuchfiguren nach wie vor präsent sind, gewinnt hier eine Brückenfunktion. Hinzu kommt die Zeitlosigkeit vieler Geschichten. Zudem wurde versucht darzustellen, „was Kinder in der DDR im Alltag bewegte“, so der Literaturwissenschaftler Professor Michael Nagel. Wie war das etwa, Pionier zu werden? Halstuch, Zusammenhalt, Zeltlager: „Das hat vielen gut gefallen“, sagt Nagel. Wie war das aber, wenn das Kind zum Beispiel aus einer religiösen Familie kam – und keine Empfehlung für eine weiterführende Schule bekam? An solchen Punkten können Schulkinder von heute spüren, was es bedeuten kann, in einer Diktatur zu leben. Ein weiterer Punkt: Militarismus schon für die Kleinsten, sichtbar etwa in einem Panzerbastelbogen für Vorschulkinder. „Das ist aber nicht richtig“, hätten viele der jungen Ausstellungsbesucher von sich aus gesagt, berichtet Nagel.

Militarismus, Linientreue, Ideologie – das ist nur ein Aspekt der DDR-Kinderbuchproduktion. Sicher, die Ordnung bleibt bestehen. Individualisten (das sind Kinder oft, und deshalb verstehen sie solche Charaktere) kehren in der Regel wieder ins Kollektiv zurück. Die Ausstellung führt aber auch vor Augen, dass viele DDR-Kinderbücher – frei von politischen Ober- und Untertönen – einfach gut erzählte und von renommierten Künstlern illustrierte Geschichten boten und bieten. Qualität eben; zuweilen entstanden unter Bedingungen, von denen viele Kinderbuchautoren heute nur träumen können. 15 000 Exemplare zum Beispiel waren eine Standardauflage.

Rarität der Schau ist die DDR-Originalausgabe des „Löwen Leopold“ von Reiner Kunze, von der es „möglicherweise nur noch zwei Exemplare“ gibt, wie Professor Nagel sagt. Das Buch war 1976 fertig produziert worden, durfte dann aber nicht erscheinen – weil Kunze im Westen einen Kinderbuchpreis angenommen hatte, so Nagel: „Zensur als Bestrafung.“ Das relativiert die guten Produktionsbedingungen.

Heute sind viele Klassiker der DDR-Kinderbuchliteratur wieder erhältlich. Der Beltz-Verlag im baden-württembergischen Weinheim hat sich Rechte gesichert und etliches neu aufgelegt. Zu den erfolgreichsten dieser Veröffentlichungen gehört der Sammelband „Von Tuppi, Krawitter und Schweinchen Jo“, der 23 Geschichten vereint (für Kinder ab vier Jahren, Preis: 14,95 Euro).

· Die Ausstellung „Zurückgeblättert“ ist bis zum 31. Januar 2011 im Foyer der SuUB zu sehen.

WWW.

suub.uni-bremen.de

bibf.uni-bremen.de

zurueckgeblaettert.de.vu

beltz.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Bürgerrechtler verklagen Trump - "Marsch auf Washington"

Bürgerrechtler verklagen Trump - "Marsch auf Washington"

Corona in Göttingen: Nach Massenausbruch wurde ein Testzentrum errichtet

Corona in Göttingen: Nach Massenausbruch wurde ein Testzentrum errichtet

Sonnenschutz im Auto nachrüsten

Sonnenschutz im Auto nachrüsten

Brettspiele für die ganze Familie

Brettspiele für die ganze Familie

Meistgelesene Artikel

Ab ins Wasser

Ab ins Wasser

„Fachkräftemangel bleibt“

„Fachkräftemangel bleibt“

Clowneske Einparkhilfe

Clowneske Einparkhilfe

„Einfach machen“

„Einfach machen“

Kommentare