Ein-Mann-Betrieb statt Künstleragentur

Frank Turner hatte es versprochen

Gunner Records Bremen Frank Turner
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Frank Turner veröffentlichte seine Kollektion „The First Three Years”über das Bremer Label.

Bremen - Von Pascal Faltermann. Mails, Briefe oder Pakete an das Bremer Label Gunner Records sind häufig förmlich. Die zahlreichen Anschreiben sind an die A&R-Abteilung, das Management, die Geschäftsführung oder an das Künstlermanagement adressiert.

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Ein-Mann-Betrieb statt Künstleragentur

Aus Amerika, Kanada oder England werden die Sendungen zur Altbauwohnung geliefert, flattert die elektronische Post in das Postfach des kleinen Tonträgerunternehmens im Viertel. Was kaum ein Schreiber weiß: Gunner Records ist ein hanseatischer Ein-Mann-Betrieb. Alles, was postalisch eingeht, landet auf dem Schreibtisch von Gunnar Christiansen. Da aber Musiker wie Frank Turner oder die Band The Gaslight Anthem Schallplatten auf dem Label veröffentlichten, vermuten viele eine große Firma dahinter.

Gunnar Christiansen in seinem Hausflur: Hier stapeln sich die Verpackungen, CDs und Schallplatten.

Angefangen hat alles mit Mischief Brew, einer Anarcho-Punk-Band aus Philadelphia. Deren Sänger Erik Petersen spielte in New York in einer Bar ein Solokonzert. Gunnar Christiansen, der gerade mit der Gruppe The World/Inferno Friendship Society auf Tour unterwegs war, hörte die Musik des Frontmannes und kam nach dem Auftritt mit ihm ins Gespräch. Petersen, der nach einer Möglichkeit suchte auch in Europa zu veröffentlichen, gab ihm eine Demo-Album mit. Die Idee, die Platte selbst zu herauszubringen, stammt von Labelchef Ingo Ebeling (The Company With The Golden Arm), für den Christiansen unterwegs war. Das war 2006. Der erste Schritt zum Plattenlabel war getan. Gunnar Christiansen stammt ursprünglich aus Bad Bramstedt, zog nach seinem Studium zum Diplom Bauingenieur in Lübeck nach Bremen zu seiner Freundin. Das Label an der Weser baute er nebenbei auf, nach der Arbeit. „Ich habe mich schlau gemacht, wo es Presswerke gibt, was die Produktion kostet oder wie ich die Sachen vertreibe”, erzählt der Plattenmacher. Kumpel Lars Lewerenz, Gründer und Inhaber des Hamburger ElectroPunk-Labels „Audiolith Records“, gab ihm immer wieder Tipps. Das Herstellen und Veröffentlichen von Musik-alben ist aber bis heute sein Hobby geblieben. Seinen Lebensunterhalt finanziert Christiansen durch seinen Hauptjob als selbstständiger Zimmermann. Mit drei Freunden hat er gemeinsam eine Firma.

In Scheeßel beim Hurricane und in Sulingen beim Reload-Festival spielt Sänger Brian Fallon dieses Jahr mit seiner Band The Gaslight Anthem. Entdeckt hat die Gruppe aus New Brunswick 2007 der Plattenmacher Gunnar Christiansen aus Bremen.

The Gaslight Anthem entdeckte Gunnar Christiansen über eine Demo-Version, die ihm in die Hände geriet. „Das war der Knaller.“ Er kontaktierte die Musiker um Sänger Brian Fallon und dann passierte es Schlag auf Schlag: Er produzierte für die Band die erste LP „Sink or Swim”, wenig später die EP „Senor and the Queen”. Zweimal holte er die US-amerikanische Punk/Indie/Alternative-Rock-Band aus New Brunswick nach Bremen. Im ehemaligen Club Nook in Bremen hinterm Güterbahnhof spielten die Musiker 2007 und 2008 jeweils ein Konzert vor weniger als 100 Zuschauern. „Beim ersten Mal waren es mit der Vorband und den Veranstaltern vielleicht 40 Personen”, so Christiansen. 2009 gelang The Gaslight Anthem der Durchbruch, sie betraten die großen Festivalbühnen. „Das ging alles ziemlich schnell”, sagt der Labelchef. Für ihn als Labelinhaber hatte dies auch Schattenseiten. Die mediale Aufmerksamkeit zog größere Labels an: „Side One Dummy“ und später „Mercury Records“ nahmen die Musikgruppe unter Vertrag. Der Grund war einfach: Es gab mehr Geld. „Dort bekommen sie schon im voraus ein Budget zur Verfügung gestellt. Das kann sich ein kleines Indielabel gar nicht leisten”, merkt Christiansen nüchtern an. Durch The Gaslight Anthem lernte der Wahlbremer Frank Turner kennen, der in deren Vorprogramm spielte und damals nur in England bekannt war. Turner verkaufte seine Fanartikel und Platten stets selbst und so kamen er und Tourbegleiter Christiansen immer wieder ins Gespräch. Sie freundeten sich an. Turner versprach Christiansen, dass er irgendwann auch ein Werk von ihm veröffentlichen dürfe. Turner hielt Wort.

2008 kam die Kollektion „The First Three Years” auf dem Markt, eine Zusammenstellung von 23 Songs, die Frank Turner in den ersten drei Jahren in England herausbrachte. „Frank hatte eigentlich schon bei Epitaph Records unterschrieben”, erinnert sich Christiansen. Aber er hatte noch zahlreiche Songs, die bis dahin nur in Großritannien erschienen waren. Auf einer Kollektion gab es diese dann für Europa.

Fast 40 Alben von 26 verschiedenen Bands sind mittlerweile über das Bremer Label zu erhalten. 2012 gab es erstmalig einen sogenannten Single Club: Im Rahmen einer Mitgliedschaft erhielt der interessierte Musiknerd vier 7-inch-Singles im Jahr. Die Auflage betrug 100 Stück in farbigem Vinyl.

Das Eintüten, Versenden und Abrechnen organisiert Gunnar Christiansen nebenbei, wie auch einige Touren und Konzerte. Gerade hat der Viertelbewohner die Country-Punk-Rocker Arliss Nancy aus Colorado, die Rock 'n' Roll-Combo Auxes und die texanische Punk-rock-Band Perdition nach Bremen geholt. Alles organisiert in der versteckten Altbauwohnung. Dort, wo sich die Pakete und Verpackungen im Flur stapeln.

Mehr Infos: www.gunnerrecords.com

Arliss Nancy "Little Steven"

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