Ein immer wiederkehrendes Muster

Bremen: Muss Angeklagter in die Psychiatrie?

Die Unterbringung des Angeklagten (vorne) – hier beim Prozessauftakt mit seinem Verteidiger Philip Marte – in einer forensischen Klinik gilt als sehr wahrscheinlich, machte das Gericht jetzt deutlich.
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Die Unterbringung des Angeklagten (vorne) – hier beim Prozessauftakt mit seinem Verteidiger Philip Marte – in einer forensischen Klinik gilt als sehr wahrscheinlich, machte das Gericht jetzt deutlich.

Bremen – Es ist ein immer wiederkehrendes Muster, das sich im Verfahren gegen einen 64-Jährigen vor dem Bremer Landgericht zeigt: Zeugen werden vernommen, und der Mann, dem versuchter Mord an seinem ehemaligen Vorgesetzen (51) an der Bremer Uni vorgeworfen wird, leitet die Vernehmung mit eigenen Worten ein oder aus. So auch am Montag, als eine ihn lange betreuende Psychologin ihre Aussage macht.

Über den konkreten Inhalt ihrer fast zweistündigen Aussage ist nichts bekannt, kurz zuvor schließt das Gericht die Öffentlichkeit aus. Doch da der Angeklagte, wie bereits bei vielen anderen Zeugen, der Kammer vorab seine Sicht der Dinge schildert, dringen zumindest einige Informationen nach außen. Seit 2006, so berichtet es der 64-Jährige, unterstützte die Frau ihn bei psychologischen Themen. Der Angeklagte, der zu dieser Zeit nach eigener Aussage einen Therapeuten suchte und sich dabei Hilfe von der Uni-Angestellten erhoffte, fühlte sich bei dieser wohl. Die Frau sei mitfühlend gewesen, habe stets ein offenes Ohr gehabt.

Nach einem ersten Kennenlernen telefonierten die beiden zeitweise jeden zweiten Tag – „und das half mir“. „Ich fühlte mich richtig besser.“ Doch – und auch dieses Muster zeigte sich bereits bei anderen Personen, die dem Mann in der Vergangenheit helfen wollten – kippte die Stimmung bald. Und das endgültig.

Statt die Angebote der Psychologin anzunehmen, verspürte der Angeklagte „immer mehr Druck“, ignorierte zunehmend die Anrufe der Frau und verbat sich diese irgendwann. Heute sagt er: „Ich will mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben.“ Doch die Frau wird vom Gericht als Zeugin gehört, kurz danach erstattet Dr. Ute Franz, Chefärztin der forensischen Psychiatrie am Klinikum Ost, ihr Gutachten über den Mann. Auch dabei wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Was zuvor jedoch klar wird: Wie bereits bei Anklageverlesung geht auch die Sachverständige davon aus, dass der Mann aufgrund einer seelischen Störung vermindert schuldfähig handelte, als er im August 2020 seinen einstigen Chef mutmaßlich in einen Technikraum lockte, dort mit einer Eisenstange auf den Mann einschlug und den 51-Jährigen mit einer Axt bewaffnet durch das Gebäude jagte. Ein Großaufgebot der Polizei stoppte den Mann letztlich und nahm ihn auf dem Dach des Gebäudes „Naturwissenschaften 2“ fest.

Bei einer Verurteilung wird das Gericht sehr wahrscheinlich die Unterbringung des 64-Jährigen in einer psychiatrischen Einrichtung anordnen. Darauf machte die Kammer unter Vorsitz von Richter Björn Kemper aufmerksam. Nach dem vorläufigem Gutachten bestünden die Voraussetzungen, den Mann in einer forensischen Klinik unterzubringen. Ob neben den schweren Depressionen, unter denen der Mann leiden soll, weitere Krankheiten zur verminderten Schuldfähigkeit führten, blieb hingegen unklar.

Und geht es nach dem Angeklagten, sei es nicht er, der an der Tat die Schuld trage. „Ich hatte einfach nie eine Chance. Da war von Beginn an eine Stimmung gegen mich.“ Einen „wesentlichen Anteil“ daran trage die Psychologin.

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