SERIE MEIN KUNST-STÜCK

Die eigenen Möglichkeiten

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Perspektivwechsel sind ein Stilmittel von Melissa Chelmis’ Arbeiten, auch von „Schwerelos“.

Bremen - Von Ilka Langkowski. „Schwerelos“ heißt Melissa Chelmis’ Bild, das sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Es ist eine Art Diptychon, das aus zwei einzelnen Holzbildern besteht. Um der Wirkung des Holzes ihren Raum zu lassen, verwendet die Malerin transparente Beize und wenig Farbe.

Auf zwei alten Setzkästen, die aus einer Druckerei stammen, malte Melissa Chelmis 2017 ihre Kinder in der Schwebephase. Die beiden hatten sich beim Trampolinspringen gegenseitig fotografiert. Ihre Mutter ließ sich von den Schnappschüssen inspirieren. Und so finden sich in „Schwerelos“ gleich mehrere Charakteristika ihrer Arbeit. Unter anderem sind es der sparsame Einsatz von Mitteln, um das Holz als Teil des Bildes zu erhalten, und der Perspektivwechsel. Die eine Figur ist dem Betrachter zugewandt, die andere zeigt sich abgewandt, in ihrer eigenen Welt und mit der eigenen Wahrnehmung.

Chelmis liebt die Arbeit auf Holz. Ihr Mann ist Tischler und Holz im Hause allgegenwärtig. Das Rohmaterial findet sie manchmal auch unterwegs oder auf dem Sperrmüll. Dann lagert sie es in ihrem Sichtfeld und irgendwann macht es „klick“. Dann fällt ihr das passende Motiv zu dem Holzstück ein, und sie fängt an, mit dem Vorgegebenen zu spielen. „Jedes Holz hat seine eigenen Möglichkeiten“, sagt die Bremerin. „Ich mag es, auf etwas einzugehen, was schon da ist, und daraus etwas zu entwickeln.“

Mit Vorliebe nutzt sie Beize, Ölkreide und Acryl für ihre Bilder. Auch in Werken auf Papier setzt sie auf dezente Farbe und malt mit Kaffee, Tinte oder Bleistift. Weiche Töne, kombiniert mit einem rauen Grund, sorgen dafür, dass Chelmis Porträts, Akt- und Frauendarstellungen nicht kitschig wirken.

Auf die Kunst ist die 1970 in Berlin geborene Wahl-Bremerin schon früh gekommen. Bereits als Kind entdeckte sie für sich die Kunst als eine Ausdrucksmöglichkeit. Zwar studierte sie Schauspielpädagogik, doch der Weg führte sie zur Malerei zurück. Mit der Theaterpädagogik sichert Chelmis ihren Broterwerb. Projekte und Ausstellungstermine bestimmen die Wochenplanung. In der restlichen Zeit widmet sie sich der freien Kunst. „Zeit ist wichtig, denn auf Knopfdruck kommen weder Muße noch Inspiration“, sagt sie. Eine Idee hält Chelmis sofort fest. „Aus einer guten Skizze kann auch ein gutes Werk werden“, weiß die Künstlerin, „der Rest sind Technik und Fleiß.“

Die Herausforderung des Künstlerlebens ist für Chelmis, immer weiterzumachen und an sich selbst zu glauben. Man dürfe nicht den Fokus verlieren. Außerdem müsse man gut vernetzt sein, um Geld zu verdienen. „Häufig möchte man ein Bild jemandem einfach so, umsonst, geben“, sagt sie. Doch es gelte die Balance zwischen der Liebe zur Sache und der Professionalität zu halten.

Ob wir Kunst brauchen? – „Ja, Kunst ist das, woran sich die Menschen weiterentwickeln. Ohne sie würden wir verkümmern. Wir brauchen sie, um uns damit auseinanderzusetzen, wer wir sind und was wir wollen.“

Zu den Künstlern, die für Chelmis besonders bedeutend sind, zählen die Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker (1876 bis 1907) und die Norwegerin Oda Krohg (1860 bis 1935). „Paula hat für mich einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, auch wenn die Außenwelt es nicht verstand. Sie ist den eigenen Impulsen gefolgt“, sagt die Bremerin. „Krohg stand im Schatten ihres Mannes und war vielleicht verkannt. Doch nach dem Tod ihres Mannes entstanden stimmungsvolle Ölbilder und Stillleben. Auch sie hatte Schwierigkeiten mit den Konventionen.“

Wenn Chelmis jemandem ein Bild als Botschaft schicken sollte, dann ginge ihr Bild „Mädchen“ an alle Regierungsvertreter. „Denn das Bild hat mich selbst wie eine Stimme aus dem tiefsten Inneren angesprochen. Und es soll dazu auffordern, mehr auf seine innere Stimme zu hören. Und zu kommunizieren statt anzunehmen, wie etwas wohl wäre.“

Mehr über die Künstlerin:

chelmis.de

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