Benjamin von Stuckrad-Barre liest in seiner Geburtsstadt aus „Panikherz“

Mit Udo aus dem Drogensumpf

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Einst gefeiert, dann abgerutscht in Drogensumpf und Alkoholabhängigkeit: Benjamin von Stuckrad-Barre las in seiner Geburtsstadt Bremen aus seinem autobiographischen Buch „Panikherz“.

Bremen - Von Ulf Kaack. Wer im Alter von 41 Jahren bereits genug Stoff für eine Autobiographie zusammengetragen hat, der muss in seinem Leben was erlebt haben. Das hat Benjamin von Stuckrad-Barre unbestritten. Aktuell steht er mit seinem neuen Buch „Panikherz“ ganz oben in den Bestsellerlisten. Am Sonntagabend las er im nahezu ausverkauften „Modernes“ aus diesem sehr persönlich und selbstkritisch verfassten Werk.

Als Sohn eines Pastors wird Benjamin von Stuckrad-Barre 1975 in Bremen geboren, verbringt seine ersten drei Lebensjahre in Brinkum, zieht dann nach Rotenburg an der Wümme. „Der Umzug nach Göttingen, raus aus dieser öden Provinz zwischen Bremen und Hamburg, war ein Befreiungsschlag“, sagt er zu Beginn seiner Lesung und schlingt sich einen grün-weißen Werder-Schal um den Hals. „Scheiß Augsburger“, nölt der Autor aus aktuellem Anlass und alter Verbundenheit.

1993 beginnt er zu schreiben. Tief taucht von Stuckrad-Barre in die Musikbranche, die Medien und den Starrummel ein, wird heimisch auf den roten Teppichen der Republik. Ein vorwitziger und vorlauter Rockstar des geschriebenen Wortes. Er wird neben Florian Illies zur Leitfigur der neuen Pop-Literatur. Seine teils autobiographischen Romane „Soloalbum“, „Livealbum“ und „Remix“ sind in den 90ern Bestseller. Er hat eigene TV-Sendungen, ist Gagschreiber von Harald Schmidt – omnipräsent im öffentlichen Zugriff. Da, wo die Musik spielt, ist auch er. Früher Ruhm, schleichender Realitätsverlust.

Und dann erwischt den erfolgsverwöhnten Medienjunkie eine volle Breitseite aus Drogen- und Alkohohlabhängigkeit, Bulimie und Magersucht. Multitoxisch. Von ganz oben wird er in die tiefste Tiefe durchgereicht. Mehrere Therapien scheitern. Erst Udo Lindenberg, das Idol aus pubertären Zeiten, weist ihm sanft den Weg aus dem Sumpf von Drogen, Suff und Orientierungslosigkeit.

Während der Lesung spricht er selten von sich selbst in Ich-Form, benennt zumeist den Helden seiner Geschichte. Warum? Ob er den nötigen Abstand zu seiner eigenen Story, die er auf dem Papier doch so knallhart selbstkritisch formuliert hat, noch nicht gewonnen hat? Er tänzelt vor seiner in Stein gemeißelten Vergangenheit, seinem neuen drogenfreien Leben und dem Zentralgestirn seines Werks – Udo Lindenberg.

Benjamin von Stuckrad-Barre berichtet aus Hamburg, Berlin, Zürich und Los Angeles, dem Moloch und dem Prickeln der Großstädte. Von Hotelzimmern, versifften Wohngemeinschaften und im Drogenrausch völlig runtergerockten Einzimmerwohnungen, die er einst bewohnte. Begegnungen mit Thomas Gottschalk, dem US-Literaten Bret Easton Ellis oder dem deutschen Sänger Marius Müller-Westernhagen schildert der Autor mit seinem ihm eigenen präzisen Blick auf das Erlebte.

Nach allen durchlebten Gipfeln und Abgründen scheint Benjamin von Stuckrad-Barre auf der Bühne und in seinem literarischen Schaffen wieder angekommen zu sein. Dort, wo er hingehört. Nur ein wenig mehr Demut und Selbsterkenntnis lässt er durchblicken, fährt seine Eitelkeit herunter. Gut so, weiter so.

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