Zerstückelte Leiche: Gutachten säen Zweifel an Aussagen des Angeklagten

Drei Versionen, viele Fragen

Zerstückelt, aber nicht getötet: Der 65-jährige Rentner weist die Vorwürfe des Totschlags zurück, will jedoch aus „Verzweiflung“ die Leiche seines Nachbarn zerteilt haben, ließ er über seine Anwältin Arnike Duensing mitteilen. Foto: KOLLER

Bremen - Von Steffen Koller. War es ein tragischer Unfall, der einen 50-Jährigen das Leben kostete, Selbstmord oder ein Verbrechen? Diesen Fragen geht das Bremer Landgericht im Fall eines 65 Jahre alten Angeklagten nach, der sich wegen Totschlags und Störung der Totenruhe verantworten muss. Der Mann soll seinen Nachbarn erschossen und die Leiche zerstückelt haben. Auf der Suche nach Antworten befragte die Kammer am Donnerstag eine Rechtsmedizinerin, auch Gutachten wurden verlesen.

In wenigen Worten lässt sich der Stand der aktuellen Beweisaufnahme beschreiben: drei Versionen, viele Fragen. Es gibt die eine Version, erzählt vom Angeklagten selbst. Die Überschrift, sie könnte lauten: „Fatales Versehen“. Die Geschichte dazu, sie geht in etwa so: Anfang September 2019 besuchte das spätere Opfer den angeklagten Rentner. Zusammen hätten sie sich die gemeinsame Cannabisplantage anschauen wollen (wir berichteten), sagte der 65-Jährige. Es sei um Zuchtergebnisse gegangen, um die zu erwartende Menge an Rauschgift. Der Nachbar habe mit seiner geladenen Waffe hantiert, plötzlich löste sich ein Schuss und traf den Mann direkt unterhalb seines rechten Ohres. Der 50-Jährige war sofort tot. Aus Angst rief der Angeklagte weder Polizei noch Rettungsdienst, sondern zerstückelte über mehrere Wochen die Leiche des Mannes und entsorgte die Teile.

Die zweite Variante, sie hieße „Selbstmord“. Diese Version brachte der Angeklagte selbst ins Spiel, als er während seiner Einlassung davon sprach, der 50-Jährige habe mehrfach Suizidgedanken geäußert. Ein Kopfschuss, um dem eigenen Leben selbst ein Ende zu setzen. Die dritte Möglichkeit – davon spricht die Staatsanwaltschaft –, man könnte sie „zielgerichtetes Verbrechen“ nennen. Demnach erschoss der Rentner seinen Nachbarn vorsätzlich mit einem Revolver, zerteilte die Leiche und versteckte Teile davon in Kühltruhen und Mülltonnen. Womöglich ging es um Geld, laut Anklage könnte aber auch „sportliches Vergnügen“ oder ein sexueller Hintergrund das Motiv sein. Soweit die Theorie.

Jedoch entscheiden Gerichte auf Grundlage von Beweisen und Indizien. Genau diese sammelt die Kammer nun. Am Donnerstag sagte dazu eine Rechtsmedizinerin aus. Die 38-jährige Fachärztin aus Hamburg analysierte Blutspuren in den Wohnungen der Männer und kam zum Ergebnis, dass der 50-Jährige sehr wahrscheinlich auf dem Sofa des Rentners gestorben sei. Dort stellte sie eine Blutlache fest, die auf diesen Umstand hindeute. Wie der Mann konkret zu Tode kam, ließe sich anhand der Spuren nicht ausmachen.

Zwar konnten Gutachten des Landes- und Bundeskriminalamts, die verlesen wurden, diese Frage auch nicht klären, dennoch geben sie zu zwei zentralen Bereichen zumindest Teilantworten: Zum einen fanden die Analytiker weder Schmauchspuren an der rechten Hand des Opfers noch an den Fingerkuppen seiner linken Hand, die der Angeklagte auf seinem Balkon ablegte. Diese wären aber zu erwarten gewesen, hätte der Mann sich selbst getötet. Weiter kam die Untersuchung zum Ergebnis, dass die Entfernung zwischen Waffenmündung und Kopf des 50-Jährigen etwa 30 bis 60 Zentimeter betragen habe. Inwieweit eine Selbsttötung – ob gewollt oder ungewollt – so möglich gewesen sein soll, ist fraglich.

Brisant: Ermittler fanden auf dem Sofa des Rentners ein Kissen. Auf diesem seien zwei Löcher festgestellt worden, die darauf hindeuten würden, dass das Kissen direkten Kontakt zu einer Waffe hatte. „Es handelt sich dabei um einen aufgesetzten Nahschuss“, heißt es im Gutachten.

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