„Verschwunden“: Der Fangturm

Drei Meter dicke Mauern

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Die nach dem Fangturm benannte Straße heute. Große Teile des Areals werden als Parkplatz genutzt. Freitags bauen hier die Händler eines Bauernmarkts ihre Stände auf.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Wo sind sie denn, die Gefangenen? Nun, die sind schon lange nicht mehr da. Geblieben ist allein der Name – als Name einer Straße, oder besser: eines Platzes. Vom Fangturm an der Weser in der Nähe der Schlachte ist hier die Rede. Denn um den Fangturm geht es heute in unserer Serie „Verschwunden“.

Der Fangturm war, man ahnt es, ein Gefangenenturm. Er war – zunächst als Befestigungsturm – Teil der ältesten Stadtmauer Bremens, die im 13. Jahrhundert errichtet worden war. Die Mauer schloss das Stephaniviertel, das in der Nachbarschaft des Fangturms liegt, anfangs noch aus.

Pflastermarkierungen zeigen an, wo der Gefangenenturm einst stand.

Als der steinerne Verteidigungsring um die Stadt anno 1305 auch auf das Stephaniviertel ausgedehnt wurde, bekam der Turm einen neuen Zweck. Jetzt – eben – wurde er als Gefangenenturm genutzt. Mit seinen drei Meter dicken Mauern eignete er sich auch sehr gut dafür. Außen schützten ihn kräftige Sandstein-Findlinge, innen waren große Backsteine in mittelalterlichem „Klosterformat“ verarbeitet worden. 15 Meter soll der Turm hoch gewesen sein.

Verschwunden ist er im ausklingenden 16. Jahrhundert. Als 1590/91 an der Langenstraße 78 das „Kornhaus“ gebaut wurde, nahm es den Turm teilweise auf, wie es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011) heißt. „Er war als Ausbuchtung an der östlichen Seitenwand im aufgehenden Mauerwerk sichtbar.“

Das „Kornhaus“ war ein prachtvoller Getreidespeicher im Stil der Weserrenaissance. Als die Bremer ihn an der Stadtmauer – und damit direkt am Weserufer – errichteten, kamen die Sandsteinarbeiten dafür aus der Werkstatt Lüder von Bentheims, des Schöpfers der Marktplatzfassade des Rathauses. Die Schiffe konnten am „Kornhaus“ anlegen, das Getreide wurde gleich in den Speicher entladen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dann auch das Grundstück Langenstraße 76 bebaut – mit einem Packhaus, dem die unteren Teile des Fangturms als Fundament dienten. Beide Bauwerke, Langenstraße 76 und das „Kornhaus“, sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. In den Nachkriegsjahren lagen Teile des Fangturms einige Zeit offen.

Schon 1927 war der Fangturm einmal aufgetaucht – als nämlich an der Langenstraße 76 die städtische Pfandleihe eingerichtet wurde. Man freute sich darüber. Denn Pfandleihe nutzte einen Teil des Turms als Tresor. Auch dafür eigneten sich die drei Meter dicken Mauern ziemlich gut. Dann aber kam der Bombenangriff vom 6. Oktober 1944. Nach dem Krieg wurde an dieser Stelle ein Parkplatz eingerichtet. Der wiederum wurde 2013/14 saniert und umgestaltet – mit dem Ziel, die Straße Fangturm der schicken Schlachte-Gestaltung anzupassen.

Bei diesen Arbeiten legte das Team um den Archäologen Dr. Dieter Bischop, der bei der Landesarchäologie für die Stadt zuständig ist, den alten Gefangenenturm wieder frei. Drei Meter dicke Mauern haben etwas Bleibendes und tauchen immer mal wieder aus der Vergangenheit auf. Nur die Gefangenen, die sind schon lange nicht mehr da.

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