Universitäten vor Rechnung mit Unbekannten

Doppel-Abijahrgang: Heikler Wettbewerb im Speckgürtel

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Durch die doppelten Abijahrgänge droht den Universitäten in den nächsten Jahren ein logistisches Problem.

Bremen - Studenten-Organisationen reagieren alarmiert, die Universitäten der Region versuchen sich am Spagat zwischen Kostendruck einerseits und Ausbildung ohne Härtefälle andererseits, und so richtig weiß keiner, was wirklich bevorsteht.

Fest steht nur eines: Das Doppelabitur nächstes Jahr in Niedersachsen löst eine Lawine von geschätzt 20.000 zusätzlichen Gymnasial-Schulabgänger aus. Und herauskommen dürfte nicht nur eine demografische Beule, die irgendwann ausgebügelt sein wird, sondern ein Vorgeschmack dessen, was noch blüht. In Jahresabständen nämlich kommen 2012 in Bremen und vor allem 2013 in Nordrhein-Westfalen weitere „Doppel-Abijahrgänge“ mit abertausenden von möglichen Studien-Anfängern hinzu. „Wir stehen vor einem fünf- bis sechsjährigen Berg,“ heißt es etwa bei der Uni Bremen. An der Uni Oldenburg ist dies Aufkommen schon „Tafelberg“ getauft worden - wegen des im nächsten Jahr dramatischen Anstiegs und zum Ende des Jahrzehnts voraussichtlich noch stärkeren Absturzes der Studentenzahlen.

Vor allem die Situation im Raum rund um Bremen gilt als heikel. Traditionell pflegen Abiturienten aus den Landkreisen Osterholz, Diepholz, Verden und Rotenburg einen Großteil der angehenden Akademikerschaft an der Uni Bremen auszumachen. Doch ausgerechnet zwischen Universum und Fallturm tut man sich schwer. „Das Bundesland Bremen bildet schon jetzt das 1,8fache des eigenen Akademiker-Bedarfs aus“, sagt Christina Vocke, Dozentin für Studentische Angelegenheiten an der Universität. Es sei deshalb nicht daran gedacht, die Lehrkapazitäten zu erweitern. „Bremen ist bundesweit als so genanntes Halteland eingestuft. Es macht ja auch keinen Sinn, über den Bedarf hinaus auszubilden.“

Überhaupt sei es schwer, den zu erwartenden Ansturm richtig vorauszuschätzen. „Die Anzahl der Bewerbungen ist in den vergangenen fünf Jahren von 14.000 auf 19.000 pro Jahr gestiegen, die Zahl der Studienanfänger, die sich tatsächlich für Bremen entschieden haben, blieb aber bei 3500 konstant.“ Allerdings wolle man der demnächst sprunghaft wachsenden Abiturientenzahl durchaus Rechnung tragen. Die Kalkulation der Hanseaten: Nur gut zwei Drittel der Anfangssemester sind Neueinsteiger. Der Rest habe den Studiengang gewechselt oder starte einen zweiten Anlauf. Um wenigstens eine Rate von 2500 Neu-Einsteigern aufnehmen zu können, werde man die 3500er-Konstante nach oben aufbrechen.

Aus mehreren Gründen. „Wir wollen niemanden diskriminieren,“ sagt Dezernentin Vocke, „und wir wollen die Kapazitäten in einer Reihe Fächer wie Informatik oder Physik besser ausschöpfen.“ Allerdings sind auch hier die Grenzen nicht allzu üppig gesteckt. „Bei mehr als 4000 Studienanfängern wäre die Uni Bremen überfordert.“

Angesichts der Angebots-Erweiterungen andernorts sei es noch die Frage, ob tatsächlich die 4000er Marke angekratzt werden. „In den vergangenen drei Jahren haben Bund und Länder Mittel für 91.370 zusätzliche Plätze zur Verfügung gestellt,“ sagt ein Sprecher des Bremer Bildungsressorts, „in den nächsten fünf Jahren werden zusätzliche Mittel für 275.000 zusätzliche Studienanfänger zur Verfügung stehen.“

Anders als in Bremen werden niedersächsische Universitäten von diesem erhöhten Geldfluss profitieren. „In der ersten Phase haben wir um 150 Plätze erhöht,“ sagt denn auch Isabel Müskens von der Stabstelle Studium und Lehre der Uni Oldenburg, „gegenwärtig laufen Anträge für 300 weitere Plätze.“ In Kombination mit der angepassten Lehrverpflichtung für Professoren, einer Art Mehrarbeit, komme man zum Wintersemester 2011 auf ein Plus von 600 bei dann 2300 Plätzen. Zusätzlich steckt das Land Niedersachsen voraussichtlich Millionen in den Universitätsstandort an der Hunte. Unter anderem sollen neue Labors entstehen und alte aufgemöbelt werden.

Allerdings ist auch hier die Vorplanung eine Rechnung mit mehreren Unbekannten. „Das Studierverhalten hat sich erheblich verändert,“ sagt Müskens, „viele Abiturienten gehen zunächst in die Berufsausbildung, absolvieren ein freiwilliges Jahr oder verbessern ihre Fremdsprachenkenntnisse bei einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt.“ Klartext: Wieviel tatsächlich an Studienanfängern aus dem Doppel-Abijahrgang an der Uni ankommt, weiß so wirklich niemand.

Zumindest die niedersächsische Wirtschaft sendet Signale aus, den Druck ein wenig von den Universitäten zu nehmen. Volker Linde vom Niedersächsischen Industrie- und Handelskammertag: „Der bereits jetzt einsetzende Fachkräftemangel ist für die Unternehmen Motivation, noch einmal einzustellen, bevor in den nächsten Jahren der Rückgang der Schülerzahlen zu einem Wettbewerb um Auszubildende führt“.

Die Vertreter des Studentenwerkes bleiben denn auch zunächst gelassen. „Wohnraum ist zwar zu Semesterbeginn immer etwas knapper,“ sagt Gerhard Kiehm, Geschäftsführer der Oldenburger Einrichtung, „aber unsere Stadt beispielsweise bietet ausreichend Wohnraum. Wenn es bei 600 zusätzlichen Plätzen bleibt, dürfte es keine Probleme geben, zumal Oldenburg als regionale Hochschule gilt und viele Studierende weiter in ihren Heimatorten wohnen.“

Endgültige Klarheit dürfte freilich erst im Herbst nächsten Jahres gewonnen werden. Genauso wie in einem weiteren Punkt, der sich zu einem heiklen Thema zu entwickeln droht. Das Thema Studiengebühren nämlich. Während in Oldenburg eben solche fällig sind, immerhin rund 1000 Euro pro Jahr, werden Bremer Studenten davon verschont. „Das hat in der Vergangenheit bereits zu Verschiebungen in Richtung Weser geführt,“ mutmaßt Kiehm. Ganz ausgebuffte Studenten könnten sogar auf die Idee kommen, in Oldenburg relativ günstigen Wohnraum zu mieten und dann mit dem Semesterticket zum Studieren täglich nach Bremen zu reisen.

Im kleinsten Bundesland sieht man die Situation freilich völlig anders. „Rund 80 Euro im Monat wiegen die ewige Pendelei nicht auf,“ meint Christina Vocke, „die Studiengebühr ist insgesamt keine relevante Größe, wir haben keine Verschiebungen bemerkt.“ Selbst in Studiengängen, die sowohl in Bremen als auch in Oldenburg angeboten würden, sei eine Tendenz zur Gebühren-Flucht nicht erkennbar. „Da spielen Qualität und regionale Erreichbarkeit eher eine Rolle.“

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