Bremer Zeiterfassungs-Spezialist Zesi steuert auf Wachstumskurs

Digitale Stechuhren

René Köhne zeigt ein Zeiterfassungsgerät.
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Gut im Geschäft: Zesi-Geschäftsführer René Köhne zeigt ein Zeiterfassungsgerät, das mit einem Transponder bedient wird.

Der Zeiterfassungs-Spezialist Zesi ist auf Wachstumskurs. Er profitiert von einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs.

  • Komplexe Arbeitszeitmodelle müssen berücksichtigt werden.
  • Transponder hängen am Schlüsselbund.
  • 2500 Kunden in Deutschland und „umzu“.

Bremen – Ein Boom für das Bremer Unternehmen Zesi, unter anderem Spezialist für Zeiterfassungssysteme, kam vor anderthalb Jahren. „Es fing an mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes im Mai 2019“, sagt Geschäftsführer René Köhne, Jahrgang 1964. Das Gericht entschied, dass Arbeitgeber zum Schutz der Arbeitnehmerrechte ein System zur objektiven Messung der Arbeitszeit einrichten müssen.

Nach dem Urteil habe sich die Zahl der Anfragen nach Zeiterfassungssystemen verdoppelt, sagt Köhne. Aktuell richte Zesi acht bis zehn Anlagen monatlich in Unternehmen ein. Neben der Einrichtung der Technik sei auch die Schulung von Personal des Kunden nötig. Nur sehr kleine Projekte ließen sich auch in einem halben bis einem Tag durchführen, so Köhne. Kompliziertere würden bis zu bis fünf Tagen brauchen. Es müssten komplexe Arbeitszeitmodelle berücksichtigt werden. „Das ist immerhin lohnrelevant“, gibt Köhne zu bedenken.

Für den Bereich der Arbeitszeiterfassung hat Zesi zwei eigene Programme geschrieben: OT 1000, besonders für kleine und mittelständische Unternehmen und zugeschnitten auf Autohäuser. Dateneingabe kann mit einer Stechuhr erfolgen, die aber heute im Allgemeinen mit einem nicht mehr mit einer Pappkarte arbeitet, sondern mit elektronischen Transpondern.

Zeiterfassung per App

Man könne den Transponder einfach an den Schlüsselbund hängen, sagt Köhne. Das Risiko, ihn zu vergessen, sei dann geringer als bei einer Stempelkarte. Der Transponder könne auch wie ein Schlüssel dazu dienen, Türen zu öffnen.

Auch eine Direkteingabe über einen PC sei möglich. Neben Arbeitsbeginn und Arbeitsende könnten so auch Pausen und Fehlgründe, wie etwa der Gang zum Arzt, eingegeben oder bequem Urlaub beantragt werden. Das klappe auch im Home-Office. Dieser Trend habe sich im Corona-Jahr 2020 positiv auf die Auftragslage ausgewirkt. Bestandskunden würden ihre Erfassungssysteme modernisieren. Auch eine Zeiterfassung per App auf dem Handy oder dem Tablet sei möglich, etwa für den Einsatz auf Baustellen. Zeitnahe wird Zesi die Programme in einem Online-Shop zur Vermietung anbieten. Dort sollen Start-Ups und Kleinunternehmen bis fünf Mitarbeitern die Software OT 1000 gratis zur Verfügung gestellt bekommen.

„Zesi ist eine Abkürzung für Zeitsicherheit“, sagt Köhne. In dem Unternehmen blickt man auf 34 Jahre Erfahrung zurück, in denen auch eine Umfirmierung stattfand. 2016 aus der „Miditec Vertriebsgesellschaft“ hervorgegangen, ist das Unternehmen mittlerweile ein eigenständiges Systemhaus mit eigener Softwareentwicklung, Hotline und technischem Service. Bei der Gründung des Vorgängerunternehmens 1987 durch Günter Köhne, Jahrgang 1944 und Vater von René Köhne, ging es um die damals neue elektronische Zeiterfassung. „Die Stempeluhr mit Papierkarte sollte weg“, sagt Köhne. „Die mussten noch händisch ausgerechnet werden.“ Zesi entwickelte sich zu einem Systemhaus. Die Bereiche Zugangskontrolle und Sicherheitstechnik kamen dazu.

Fluchttüren mit Zusatztechnik

Ein Beispiel sind Fluchttüren mit zusätzlicher Technik. „Diese müssen sich im Feuerfall öffnen lassen und geben eine Meldung heraus“, sagt Köhne. Das Unternehmen richtet auch Gefahrenmeldeanlagen ein, etwa für Flughäfen und wartet diese. Auch im Angebot: Türschlösser mit Transpondern, die etwa in Hotels eingesetzt werden. Aktuell hat Zesi nach eigenen Angaben 2 500 Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Köhne erklärt einen Vorteil dieser Technik. „Geht ein Schlüssel verloren, muss man eventuell die ganze Schließanlage ersetzen. Der Transponder lässt sich einfach in der Software sperren.“ Zur weiteren Sicherung ließe sich der Transponder mit einem Code oder dem Fingerabdruck kombinieren.

Gerade in der jüngeren Vergangenheit sei das Unternehmen stark gewachsen, sagt Köhne. 1987 startete das Vorgängerunternehmen mit vier Mitarbeitern, vor sechs Jahren waren es neun. Zeso hat heute ein 25-köpfiges Team mit vielen jungen Mitarbeitern.

Das Unternehmen wächst weiter. Man plane mit 50 Prozent Umsatzzuwachs oder mehr in den nächsten Jahren, sagt Köhne. Dadurch würden Jobs zum Beispiel für Software-Entwickler und Informatiker sowie für System- und Elektrotechniker und im Innendienst entstehen. Vor diesem Hintergrund plant Zesi den Umzug vom aktuellen Sitz an der Anne-Conway-Straße in Uni-Nähe an einen anderen Standort.

Hintergrund: Der Europäische Gerichtshof (Luxemburg) hat mit am 14. Mai 2019 beschlossen, dass die Mitgliedstaaten die Arbeitgeber verpflichten müssen, ein System einzurichten, mit dem die täglich geleistete Arbeitszeit eines jeden Arbeitnehmers gemessen werden kann. Das System müsse objektiv, verlässlich und zugänglich sein. „Die objektive und verlässliche Bestimmung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit ist nämlich für die Feststellung, ob die wöchentliche Höchstarbeitszeit einschließlich der Überstunden sowie die täglichen und wöchentlichen Ruhezeiten eingehalten worden sind, unerlässlich“, heißt es in der Mitteilung des Gerichts.

Kaarina Hauer, Leiterin der Abteilung Rechtsberatung und Rechtspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, sagt Die EU-Richtlinie von 2003 sei in Deutschland bereits umgesetzt. Neu sei nur die exakte Arbeitszeiterfassung, bisher bestehe eine gesetzliche Pflicht nur für die Erfassung von Überstunden. Es gäbe auch ein Urteil des Arbeitsgerichts Emden aus dem Februar 2020, dass sich die Verpflichtung aus der EU-Grundrechtecharta ergebe und der EU-Richtlinie von 2003. Streit um die Bezahlung von Überstunden sei häufig Beratungsthema bei der Arbeitnehmerkammer. Hauer wünsch sich, dass der Gesetzgeber nachbessert. Viele Überstunden würden nicht bezahlt, sagt Hauer. Sie empfiehlt den Arbeitnehmern, ebenfalls die Zeit zu erfassen.

„In Deutschland ist einiges anders“

Der Hauptgeschäftsführer des Allgemeinen Arbeitgeberverbands Bremen Cornelius Neumann-Redlin sieht die Diskussion noch als sehr offen an, da sich der EUGH auf eine Klage aus Spanien bezieht. Er sagt: „In Deutschland ist einiges anders. So kann etwa die Gewerbeaufsicht je nach Bundesland verlangen, dass die Arbeitszeit erfasst wird.“ Er sieht in dem Urteil eher die Verpflichtung, ein System zur Messung der Arbeitszeit zur Verfügung zu stellen, aber nicht, dass dieses immer eingesetzt werden müsse. Er sieht eine Möglichkeit, das händisch zu machen, auch wenn meistens die Digitalisierung Einzug gehalten habe. „Manche kleineren Betriebe machen das vielleicht immer noch per Hand“, sagt er. Seitens der Arbeitgeber gäbe es die Forderung, dass man das Arbeitszeitgesetz insgesamt modernisiere und nicht nur in diesem Punkt. Man wolle eine Wochenarbeitszeit und weniger starre Ruhezeiten. „Wenn die Kinder abends im Bett sind, kann man sich dann nochmal an die Mails setzen“, sagt er.  Hauer sagt, Arbeitnehmer hätten ein Recht auf elf Stunden Ruhezeit. „Wenn das gestrichen wird, ist das nicht im Sinne der Arbeitnehmer“, so Hauer.

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