Im Dienst der Familie

„Bremer Frauen-Geschichten”: Helene Kaisen verzichtet auf politische Karriere

Am 1. Mai 1916 heiraten Helene Schweida und Wilhelm Kaisen. Dieses Hochzeitsfoto entsteht mitten in den Kriegswirren. Kaisen weilt just zum Fronturlaub in Bremen.

Bremen - Von Nina Seegers. Sie war klug, engagiert und eine überaus gute Rednerin. Helene Kaisen (1889-1973) hätte das Zeug zu einer großen Politikerin gehabt. Als Mutter von vier Kindern ließ sie aber ihrem Ehemann Wilhelm – Bremens erstem Nachkriegsbürgermeister – den Vortritt. Helene Kaisen ist eine Folge unserer Serie „Bremer Frauen-Geschichten” gewidmet.

„Ihrer Begabung und ihren Kenntnissen nach hätte sie eine bedeutende Stellung im politischen Leben einnehmen können. Aber einer von uns beiden konnte nur öffentlich tätig sein”, sagt Wilhelm Kaisen über seine Frau rückblickend in einem Interview 1965 der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts”.

Helene Franziska Schweida, wie sie mit Mädchennamen heißt, und Wilhelm Kaisen lernen sich 1913 in Berlin kennen. Dort absolvieren beide eine Ausbildung auf der SPD-Schule. Die Bremerin ist damals die einzige Frau, die diese Schule besuchen darf. Mit dem gebürtigen Hamburger Kaisen freundet sich die 24-Jährige an und bleibt auch nach der Schule weiterhin mit ihm in Briefkontakt. Einige Monate später verloben sich die beiden.

Dabei hat Helene Schweida eigentlich auf „die Liebe verzichten wollen”, schreibt sie Wilhelm Kaisen damals, um sich einzig allein „für die Arbeiterbewegung einzusetzen”. Die junge Frau fürchtet, sich in der Ehe „selbst aufzugeben” und sich geistig nicht weiterentwickeln zu können. Wilhelm Kaisen aber versichert ihr in einem Brief: „Mach Dir keine Sorgen, dass darüber Deine geistige Weiterentwicklung gehemmt werden sollte. … Wir stehen beide geistig auf einer Stufe.”

Am 1. Mai 1916, mitten in den Wirren des Ersten Weltkriegs, heiratet Helene Schweida Wilhelm Kaisen, während seines kurzen Fronturlaubs in Bremen. Sie arbeitet zu jener Zeit beim Deutschen Roten Kreuz und ist außerdem stellvertretende Leiterin eines der 31 Bezirke der Abteilung „Fürsorge für Familien ins Feld Gezogener und für Hilfesuchende allgemein“.

Sohn Niels fällt im Krieg

1919 kommt der erste Sohn Niels zur Welt, es folgen bis 1930 Sohn Franz sowie die Töchter Ilse und Ingeborg. Während Wilhelm Kaisen 1920 in die Bremische Bürgerschaft gewählt wird, ist also für Helene an eine politische Karriere vorerst nicht zu denken. 1933 verlässt die sozialdemokratische Familie das Haus in Findorff und flieht vor den Nazis aufs Land nach Borgfeld. Dort leben die Kaisens in einfachsten Verhältnissen und halten sich mit Landwirtschaft über Wasser. Schwerer Schicksalsschlag für die Familie ist der Tod des ältesten Sohns Niels, der 1942 im Krieg fällt.

Während ihr Mann 1945 Bremer Bürgermeister und Präsident des Senats wird, ist Helene Kaisen gleich nach Kriegsende im SPD-Distrikt Borgfeld aktiv, wird Mitglied bei der Arbeiterwohlfahrt und im überparteilichen Bremer Frauenausschuss. Außerdem setzt sie sich für die Errichtung eines Bürgerhauses ein, das Treffpunkt für alle Altersgruppen sein soll. 1952 wird so das Nachbarschaftshaus in Gröpelingen eröffnet. Helene Kaisen ist bis 1964 die erste Vorsitzende des Trägervereins. Seit den 90er Jahren trägt die Einrichtung daher zu Ehren der engagierten Sozialdemokratin ihren Namen. Auch ein Kinder- und Jugendwohnheim in Bremerhaven sowie der Helene-Kaisen-Weg in der Bremer Neustadt sind nach ihr benannt.

Helene Kaisen stirbt 1973 im Alter von 84 Jahren und ist auf dem Riensberger Friedhof begraben.

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